Olympia 1972: Rolf Evers (60) war als Polizist bei dem Geiseldrama am Flughafen Fürstenfeldbruck

Trümmer flogen durch die Luft

Wache nach dem Anschlag: Rolf Evers als junger Polizist vor dem israelischen Quartier. Für die Opfer wurden Kränze niedergelegt. Der 60-Jährige (kleines Foto) erinnert sich. Fotos:  Privat/Siemon

Kassel / Vellmar. Das Schlimmste hatten sie hinter sich. Davon war Rolf Evers im Sommer 1972 fest überzeugt. Was sollte nach den gewalttätigen Anti-Schah-Demonstrationen auf dem Münchner Marienplatz noch kommen? Er sollte sich gewaltig irren.

Als 20-jähriger Bereitschaftspolizist war er bei den Olympischen Spielen in München. Dort erlebte er den Terror gegen israelische Sportler und war hautnah dabei, als der Befreiungsversuch in Fürstenfeldbruck so furchtbar scheiterte. Doch das kam erst später.

Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele wurde der Polizist ins kalte Wasser geworfen. „Die Demonstrationen gegen den Schah waren erschreckend brutal“, erinnert er sich. Als junger Mann aus Kassel habe er sich keine Vorstellung davon gemacht, was da auf ihn zukommen würde. Damit war er nicht allein. „Vorbereitet waren wir nicht. Wir hatten noch nicht einmal Schutzhelme“, sagt er.

5000 Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet, die meisten wie Evers im zweiten Ausbildungsjahr, waren nach München abgeordnet worden. „Wir waren mit zwei Hundertschaften aus Wiesbaden angereist“, sagt Rolf Evers. Er hatte sich nach einer Lehre als Kfz- und Flugzeugmechaniker bei den Henschel-Flugzeugwerken bei der Polizei beworben. Auf den dreimonatigen Einsatz in München freute er sich.

Als die Spiele endlich losgingen, waren die Schlägereien mit den Anti-Schah-Demonstranten schnell vergessen. Im olympischen Dorf waren Rolf Evers und seine Kollegen für die Kontrolle am Eingang zum Quartier der DDR-Sportler zuständig. Freundlich und relativ locker sei es dort zugegangen. Die größte Aufregung habe es gegeben, als der US-Schwimmstar Mark Spitz nur wenige Meter entfernt vorbeigegangen sei. Es waren heitere Spiele, auch für die Sicherheitskräfte. Und dann gab es mitten in der Nacht Alarm.

„Ich habe gesehen, wie die Terroristen einen Polizisten vom Flughafentower geschossen haben.“

Rolf Evers

Mit zwei Hundertschaften wurde Rolf Evers nach Fürstenfeldbruck verlegt. „Dort sollten wir eine Absperrung bilden, damit die Terroristen nicht flüchten konnten“, erinnert er sich. Als die Sicherheitskräfte mit einem Hanomag-Kübelwagen vorfuhren, wurden sie sofort von den Palästinensern beschossen und gingen hinter dem Auto in Deckung. „Ich habe gesehen, wie die Terroristen einen Polizisten vom Flughafentower geschossen haben“, sagt Evers. Dann ging alles ganz schnell. Die Trümmer des Hubschraubers, der mit einer Handgranate in die Luft gesprengt wurde, flogen ihm und seinen Kollegen um die Ohren. Zuvor hatte die Polizei das Feuer auf die Terroristen eröffnet. Der Befreiungsversuch endete in einem Desaster, alle Geiseln kamen ums Leben.

Zwei Nächte und zwei Tage hat Rolf Evers in Fürstenfeldbruck verbracht. Der Anschlag auf die israelischen Sportler habe die Polizei völlig überrascht, ist er sich heute sicher. Es habe keinen erkennbaren Einsatzplan gegeben.

Damals im Sommer 1972 habe er ernsthaft überlegt, bei der Polizei zu kündigen, sagt Evers. Den Gedanken hatte er wieder verworfen. 40 Jahre später ist der dreifache Großvater seit einigen Monaten Polizeibeamter im Ruhestand. Die Entscheidung, die Olympischen Spiele fortzusetzen, fand er immer richtig.

Von Thomas Siemon

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