Walter Thieme hielt nach dem Krieg die Zerstörung Kassels für die Nachwelt fest

Trümmer-Fotograf gestorben

Blick vom Turm der Lutherkirche Richtung Altmarkt: Die Aufnahme von Walter Thieme zeigt das Ausmaß der Zerstörungen.

Kassel. Er hat nie eine Fotografen-Ausbildung gemacht, trotzdem ein Fotogeschäft betrieben und einige der bekanntesten Aufnahmen aus dem zerstörten Kassel hinterlassen. Im Alter von 90 Jahren ist der als Trümmer-Fotograf bekannt gewordene Walter Thieme gestorben.

Mit 25 Jahren kam er als junger Leutnant nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurück. Walter Thieme hatte kein Geld, aber eine Idee. Im damals schwer beschädigten Druselturm wollte er ein Fotoatelier aufbauen. Er mietete den Turm, beseitigte mit einem ehemaligen Schulfreund den Schutt und begann mit der Reparatur von Fotokameras der Amerikaner. Heinz Zick (84), ein Zeitzeuge und guter Bekannter von Thieme, erinnert sich noch daran. Auch an das Auto, das Walter Thieme später fuhr. Ein Dixie, Baujahr 1920, sei das gewesen. Der Werbespruch auf dem Auto: „Es braust durch Kassel wie bei Sturm, Foto-Thieme, Druselturm.“

Walter Thieme kletterte unter anderem auf den Turm der Lutherkirche und machte mit einer selbst gebastelten Kamera Fotos, die heute wichtige Dokumente der Zerstörung sind. Die Innenstadt von Kassel war in den ersten Nachkriegsjahren noch eine einzige Trümmerlandschaft.

Ein amerikanischer Offizier, mit dem sich Thieme angefreundet hatte, besorgte ihm die Filme, die damals kaum zu bekommen waren. Thieme verdiente sein Geld zunehmend mit Passfotos.

Mitte der 50er-Jahre bekam er Ärger mit den Behörden. Ohne Meisterprüfung könne er kein Fotogeschäft führen, hieß es. Walter Thieme sattelte um, studierte und wurde Lehrer. Im heutigen Lahntal (Kreis Marburg-Biedenkopf) hat er viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet. In Kassel war er nur noch selten, zuletzt bei der Ausstellung zum 60. Jahrestag der Zerstörung Kassels im Oktober 2003. Anfang der 90er hat Walter Thieme, der seine Frau Ursula und drei erwachsene Kinder hinterlässt, einen Großteil seiner Fotos dem Kasseler Stadtarchiv geschenkt. Er wurde im Kreis der Familie beigesetzt.

Von Thomas Siemon

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