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Arzt aus Niestetal im türkischen Erdbebengebiet: „Ich sah, wie vergänglich alles ist“

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Von: Bastian Ludwig

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Ein Arzt aus Niestetal berichtet von seinem bewegenden Einsatz für eine Hilfsorganisation im türkischen Erdbebengebiet.

Niestetal – Caner Curuk sitzt auf dem Sofa in seinem Haus in Niestetal und ruft sich die erschreckenden Bilder seiner vergangenen zwei Wochen in den Kopf. „Stellen Sie sich vor, Sie fahren 500 Kilometer mit dem Auto und ringsum ist alles zerstört. Ein solches Ausmaß haben die Zerstörungen in der Türkei“, sagt der 37-jährige Familienvater, der als Chirurg zwölf Tage lang für die islamische Hilfsorganisation Hasene International im Erdbebengebiet war.

Caner Curuk, Arzt aus Niestetal, mit einem Kind in einem der Feldlazarette in der Erdbebenregion in der Türkei.
Besonders das Leid der Kinder hat ihn getroffen: Caner Curuk, Arzt aus Niestetal, in einem der Feldlazarette in der Erdbebenregion in der Türkei. © privat

Curuk war nicht zum ersten Mal für die Hilfsorganisation in Krisenregionen tätig. Doch diesmal ist der gebürtige Solinger, der seit acht Jahren in Nordhessen lebt, sichtlich bewegt von seinen Erlebnissen im Heimatland seiner Eltern. Als er am Wochenende zurück nach Deutschland kam, spürte der Arzt vor allem eins: eine große Dankbarkeit für sein Leben.

Bei der Behandlung eines ganz jungen Patienten: Caner Curuk in einem der Feldlazarette, in denen der Chirurg aus Niestetal tätig war.
Bei der Behandlung eines ganz jungen Patienten: Caner Curuk in einem der Feldlazarette, in denen der Chirurg aus Niestetal tätig war. © privat

Arzt aus Niestetal im Erdbebengebiet: „Brüche, Quetschungen, Risse, Verbrennungen und Platzwunden“

Als Teil eines Rettungsteams wurde er zunächst in die Provinzhauptstadt Kahramanmaras entsandt. Dort arbeitete der Mediziner – der normalerweise im Volkmarser Elisabeth-Krankenhaus praktiziert – in einer mobilen Klinik, aber auch in Zeltlazaretten. Mehrere Hundert Patienten seien pro Tag behandelt worden. Viele hatten Verletzungen, die nach dem starken Beben vom 6. Februar zunächst nur notdürftig versorgt worden waren. „Ich habe Brüche, Quetschungen, Risse, Verbrennungen und Platzwunden gesehen“, zählt Curuk auf. Als Chirurg habe er die Wunden gespült, gesäubert, genäht, verbunden.

Darüber hinaus grassierten viele Krankheiten. „Weil ein Großteil der Häuser zerstört wurde, mussten die Menschen dicht zusammenrücken. Im Rathaus von Kahramanmaras schliefen 4000 obdachlos gewordene Menschen in den Räumen und Fluren. Krätze und Läuse breiteten sich aus“, sagt Curuk, der während seines Einsatzes selbst im Rathaus sein Nachtquartier hatte. Wegen der Kälte und der Staubentwicklung durch die Zerstörungen kämpften viele Menschen – vor allem Kinder – mit Atemwegsproblemen. „Die Leute waren dankbar für unseren Einsatz.“ Auch weil das Rettungsteam als Apotheke fungierte. Diabetiker, Herzkranke und andere chronisch Kranke hätten in den Ruinen ihr Insulin und ihre Medikamente zurücklassen müssen. „Insulin muss kühl gelagert werden. Wir hatten einen der wenigen Kühlschränke.“

Caner Curuk
War für die Hilfsorganisation Hasene International im Einsatz: Caner Curuk © Bastian Ludwig

Gastfreundschaft der Opfer war beeindruckend

Bei seinem Einsatz in Kahramanmaras traf er viele syrische Flüchtlinge, die keine Chance hatten, bei Verwandten in nicht zerstörten Regionen unterzukommen. Curuk war aber nicht nur in Kahramanmaras stationiert, sondern in fast allen Provinzen unterwegs, die das Beben erschüttert hatte. Bewegend waren die Begegnungen mit Kindern. „Trotz extremer Bedingungen haben sie sich Spiele ausgedacht. Ihre Spielzeuge gab es nicht mehr.“ Gerade Jugendliche hätten infolge des Bebens unter Panikattacken gelitten. Curuk selbst erlebte etliche Nachbeben.

Beeindruckend sei die Gastfreundschaft der Opfer gewesen. „Obwohl die alles verloren hatten, haben sie mir in ihren Zelten noch ein Wasser angeboten.“ Die Not habe die sozialen Unterschiede egalisiert. „Da stand der Mann, der zuvor zehn Häuser besaß, mit seinem einstigen Mieter in der Schlange der Essensausgabe. Ich sah, wie vergänglich alles ist.“

Curuk ist besorgt, dass die Katastrophe in Deutschland bald aus dem Fokus gerät. „Es braucht einen langen Atem der Hilfs- und Spendenbereitschaft.“ Er selbst nimmt sich nicht aus. Noch im März oder April will er wieder in die Türkei aufbrechen. (Bastian Ludwig)

Auch ein Kasseler Gastronom verlor bei dem Erdbeben in der Türkei sein Leben.

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