Kritik an AKP - „Machen alles, was Papa sagt“

Türkische Journalistin erklärt, wie die Anhänger von Präsident Erdogan ticken

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Erdogan-Gegner sind in Kassel in der Mehrheit: Das behauptet zumindest eine türkische Journalistin, die hier mit ihrer Familie lebt.

Eine türkische Journalistin aus Kassel berichtet, wie die Anhänger von Präsident Erdogan ticken.

Ada Müller (Name von der Redaktion geändert) hat großes Verständnis dafür, dass viele Deutsche derzeit nicht gut auf die türkische Regierung zu sprechen sind. Seitdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bundeskanzlerin Angela Merkel und Deutschland Nazi-Methoden vorgeworfen hat, hat die türkische Journalistin, die in Kassel lebt und mit einem Deutschen verheiratet ist, viel Kritik aus ihrem Umfeld zu hören bekommen. Besonders ältere Menschen seien über die Nazi-Vergleiche sauer und ließen sie das als Türkin jetzt spüren.

Mehrheit gegen Erdogan

Ada Müller will deshalb mit einem Vorurteil aufräumen: Nicht alle Türken – ob nun in der Türkei oder in Deutschland – seien Anhänger von Erdogan und seiner AKP. Die 43-Jährige geht sogar noch ein Stück weiter. Sie ist der Überzeugung, dass 60 Prozent der in Kassel lebenden Türken beim Referendum gegen das von Erdogan angestrebte Präsidialsystem stimmen. Ada Müller ist am Sonntag mit einem Bus voller Landsleute nach Frankfurt gefahren, um mit „Nein“ zu stimmen.

Warum in der Öffentlichkeit oft der Eindruck entstehe, dass die Erdogan-Anhänger hierzulande in der Mehrheit sind, darauf hat die Journalistin, die für einen Internet-Blog schreibt, auch eine Antwort. „Die Erdogan-Türken fallen mehr auf“, sagt die 43-Jährige. Die AKP-Anhänger gingen alle in die Moschee, bei den Männern gebe es ein ausgeprägtes Macho-Gehabe, sie blickten meistens ärgerlich und würden viel Wert auf Statussymbole wie große Autos, Schmuck und teure Handys legen. Die Frauen fielen durch ihr Kopftuch und viele Kinder auf. Männer, die fünf Kinder haben, würden als potent gelten.

Erdogan sei für diese Menschen, die von einer patriarchischen Familienstruktur geprägt seien, eine Art von Vater-Figur. „Sie machen alles, was der Papa sagt.“ Erdogan sei zum Beispiel gegen das Rauchen und lehne Kaiserschnitte ab, weil diese Frauen in der Regel nicht mehr als zwei Kinder bekämen. Und die Erdogan-Anhänger machten alles, was die Imame in den Ditib-Moscheen sagten. „Sie glauben an den Koran, ohne ihn selbst gelesen zu haben.“

Integration misslungen

Ada Müller vertritt die Ansicht, dass viel Geld, das in Deutschland in die Integration geflossen ist, vergeblich gewesen sei. „Sie haben Türkinnen, die hier seit 40 Jahren leben, die kein Deutsch sprechen und niemals Sport treiben oder Fahrradfahren würden.“

Erdogan provoziere Deutschland und andere europäische Länder nur, um seine Anhänger zu erreichen, sagt die Journalistin, die aus Angst um ihre Kinder ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Die Konflikte zwischen den Erdogan-Anhängern und seinen Gegnern seien auch in Kassel mittlerweile sehr ausgeprägt, sagt Müller. Man meide die Geschäfte von politischen Gegnern. „Ich gehe zum Beispiel in keine Bäckerei, die von Erdogan-Leuten geführt wird.“

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