Tumore später entdeckt: Vorsorgeuntersuchungen sind coronabedingt ausgefallen

Screening als Vorsorgeuntersuchung: Zuletzt sind aber viele Termine zur Früherkennung von Brustkrebs coronabedingt ausgefallen. 
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Screening als Vorsorgeuntersuchung: Zuletzt sind aber viele Termine zur Früherkennung von Brustkrebs coronabedingt ausgefallen. 

In den vergangenen Wochen hatte Dr. Sabine Schmatloch, Chefärztin des Brustzentrums am Elisabethkrankenhaus, deutlich weniger Patientinnen.

Dies nicht etwa, weil es weniger Neuerkrankungen gegeben hätte, sondern weil diese noch nicht erkannt wurden.

Am 25. März hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (BA) entschieden, das Mammographie-Screening aufgrund der Corona-Pandemie bis zum 30. April auszusetzen. Rund fünf Wochen haben somit auch in Stadt und Kreis Kassel keine Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs stattgefunden. Zudem hatten viele gynäkologische Praxen geschlossen oder aber nur für Notfallpatientinnen geöffnet.

Hinzu kam und kommt offensichtlich die Angst, in Corona-Zeiten überhaupt Arzttermine wahrzunehmen. „Die Menschen gehen zwar einkaufen, scheuen aber den Arztbesuch“, beobachtet Sabine Schmatloch. Rund 550 Karzinome diagnostizieren die Medizinerin und ihre Kolleginnen des Brustzentrums am Weinberg jährlich; pro Monat sind es rund 45 dieser bösartigen Tumore. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum habe man 50 weniger entdeckt, sagt Schmatloch.

Sie erwarte nun, da Vorsorgeuntersuchungen wieder anlaufen, eine Welle. „Es kann sein, dass manche Tumore bereits im fortgeschrittenen Stadium sind“, sorgt sie sich und appelliert, Vorsorge und Screening auch unter den nun geltenden Hygienebedingungen und Schutzmaßnahmen unbedingt wieder wahrzunehmen. Und sie stellt auch klar, dass Chemotherapien weiter stattfinden. „Unsere Patientinnen haben weniger Angst vor Corona, sondern vor ihrer Krankheit und davor, dass wir aufhören, zu therapieren – das tun wir nicht.“

Werden Tumore zu spät entdeckt, sinken die Heilungschancen, warnen Onkologen bundesweit. Mit 70 000 Neuerkrankungen ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Rund 17 500 Frauen sterben daran jährlich. „Bei Brustkrebs gibt es streng genommen keine Vorsorge, sondern nur eine Früherkennung, daher gilt: Desto früher ein Herd gefunden wird, desto besser“, bilanzierte jüngst Prof. Dr. Thomas Dimpfl, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Kassel, im HNA-Gespräch.

Vor zehn Jahren wurden in Kassel und Umgebung Reihenuntersuchungen zur Brustkrebsfrüherkennung eingeführt. Alle nordhessischen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden seither alle zwei Jahre zum Screening eingeladen. Damit haben rund 150 000 Nordhessinnen Anspruch auf die Teilnahme; zwischen 50 und 60 Prozent der Frauen nehmen die Untersuchung wahr.

Infos: Neben den beiden Screening-Standorten in Kassel gibt es einen weiteren in Bad Hersfeld. Zudem steuern die beiden „Mammobile“ 24 Standorte an. mammo-hessen-nord.de

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