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Über einen  Harleshäuser, der sich für die Weltsprache einsetzt

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Esperanto-Lehrer aus Leidenschaft: Wolfgang Günther mit Esperanto-Flagge und Wörterbuch.
Esperanto-Lehrer aus Leidenschaft: Wolfgang Günther mit Esperanto-Flagge und Wörterbuch. © Adriana Strehl

Heute ist Esperantobuchtag. Wolfgang Günther engagiert sich für die Sprache.

Kassel – „Esperanto habe ich in 14 Tagen in der Badewanne gelernt“, erinnert sich Wolfgang Günther. 1978 war das. Mittlerweile ist der 82-Jährige schon lange Esperanto-Lehrer in Kassel – der einzige, wie er selbst sagt.

Gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Werner Wiegand gründete Günther Anfang der 1980er-Jahre die Esperanto-Runde in der Kulturinitiative Harleshausen. Nun spricht er über sein jahrzehntelanges Engagement für die Weltsprache – aus gutem Grund: Heute ist der weltweit von Esperantisten gefeierte Esperantobuchtag.

Erste Berührungspunkte mit der 1887 von Ludwik Zamenhof konstruierten Plansprache hatte Günther 1978, als eine Freundin seiner damaligen Partnerin ihm das Märchen der Bremer Stadtmusikanten auf Esperanto vorlas. „Das fand ich so interessant, dabei war ich nie grundsätzlich sprachbegeistert oder -begabt.“

Dass er für das Erlernen der Sprache nur zwei Wochen benötigte, habe vor allem daran gelegen, dass sie besonders einfach ist. „Regelmäßigkeit und Unkompliziertheit sind zwei der wesentlichen Kriterien der Sprache“, sagt er.

Ursprünglich wollte er Landwirtschaft studieren. Auf Wunsch seines Vaters wurde er jedoch Mediziner. Bis zu seiner Rente im Jahr 2001 war er als Arzt für Anästhesie und Intensivmedizin in der Orthopädischen Klinik Kassel tätig.

Dort lernte er auch seine Frau kennen, mit der er später lange Zeit in Spanien lebte. Ihr Projekt war der Hausbau im arabischen Stil, er hingegen gründete einen Esperanto-Klub mit Mitgliedern aus der ganzen Welt.

Für sein kiloschweres Esperanto-Kunstbuch, in dem sich auch Beiträge über Kassel sowie der erste Kassel-Stadtführer auf Esperanto befinden, wurde der gebürtige Rheinländer 2021 in Spanien ausgezeichnet.

An Esperanto begeistere ihn vor allem die Transkulturalität. „20 Leute aus 20 verschiedenen Ländern sprechen alle eine Sprache und verstehen sich“, schwärmt er von der „Sprache der Freundschaft“, wie er sie nennt. „Wenn wir uns treffen, treffen sich Menschen und nicht Nationen.“

Eine „Einstellung jenseits von Nationalitäten“ wünsche er sich auch von der Politik. Würden in der Europäischen Union Versammlungen auf Esperanto abgehalten und Beschlüsse und Gesetze nur in Esperanto übersetzt werden, würde das Zeit, Energie und Ressourcen sparen, so seine Vorstellung.

Bei der von ihm unterstützten Ausbreitung der Welthilfssprache ginge es jedoch nicht darum, die anderen Sprachen durch Esperanto zu ersetzen, sondern Esperanto als zusätzliche gemeinsame Sprache für eine bessere Verständigung untereinander zu erlernen, betont er.

„Wir Europäer können uns für Englisch als Weltsprache entscheiden, aber vernünftiger wäre Esperanto“, so der Rentner. Ihm zufolge habe die neutrale Sprache zusätzlich zu der vergleichsweise kurzen Lernzeit eine Menge Vorteile. Dazu gehört, dass sie keine koloniale Vergangenheit und keine Benachteiligungen für Lernende mit bestimmten Muttersprachen mitbringe.

Seit mehr als 40 Jahren lehrt der Esperantist die Kunstsprache. Während der Treffen in der Kulturinitiative Harleshausen wird eine Stunde für das Sprechen der Sprache genutzt, die zweite dient zum zwanglosen Austausch untereinander.

„Esperantisten sind keine Schreier, die überall ihre Sprache anpreisen“, sagt Günther. „Deshalb müssen wir uns für sie einsetzen und hoffen auf Zustimmung.“ Das ist im Sinne des Namens der Plansprache. Der stammt von Zamenhofs Pseudonym „Doktoro Esperanto“ und bedeutet: ein Hoffender. (Adriana Strehl)

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