Prozess gestartet

Spektakulärer Raubversuch auf Juwelier in Kassel: Wurde die Familie einer Komplizin bedroht?

Raubversuch auf das Juweliergeschäft Hermann Schmidt in Kassel.
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Spektakulärer Raubversuch: Viele Menschen bekamen die Tat am 2. Juli 2019 auf der Oberen Königsstraße in Kassel mit. Die Täter scheiterten an dem Panzerglas des Juweliergeschäfts Hermann Schmidt. (Archivfoto)

Vor dem Landgericht müssen sich seit Montag drei Personen verantworten, die 2019 an einem Raubversuch in der Innenstadt von Kassel beteiligt gewesen sein sollen.

Kassel ‒ So stellt man sich die Mitglieder einer Bande, die versucht hat, mit einem Mercedes das Schaufenster des Juweliers Schmidt in der Kasseler Innenstadt zu durchfahren, um dort Schmuck und Uhren zu rauben, nicht vor. Die beiden 24-jährigen Männer und die 25-jährige Frau, die sich seit Montag auf der Anklagebank des Kasseler Landgerichts wegen des versuchten Raubs am 2.  Juli 2019 verantworten müssen, wirken schüchtern und sehen so aus, als hätten sie gerade erst ihren Schulabschluss gemacht.

Am ersten Verhandlungstag zeichnete sich auch ab, dass die beiden Mitglieder der Bande, die noch nicht gefasst worden sind, wohl den Plan für diesen spektakulären Raubversuch ausgeheckt haben. Sie sollen in Litauen zu einer Juwelenräuberbande gehören, auf deren Konto bereits ähnliche Taten in Deutschland gehen.

Kassel: Angeklagte will von geplantem Überfall nichts gewusst haben

„Ich bereue das sehr. Es tut mir sehr leid“, sagte die 25-jährige Angeklagte, die aus Litauen stammt und derzeit bei einer Bekannten in Ludwigshafen untergekommen ist, zu Beginn ihrer Einlassung. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, das Fluchtauto der Bande gesteuert zu haben.

Wenn man der jungen Frau Glauben schenken möchte, wusste sie gar nicht, auf was sie sich da eingelassen hat. In Litauen sei sie von einem Bekannten angesprochen worden, ob sie ihn und zwei weitere Männer nach Deutschland fahren könne, damit sie sich dort ein Auto kaufen könnten. 150 Euro sollte sie für den Fahrdienst bekommen. Da sie in Litauen nur wenig Geld verdient habe, sei sie auf das Angebot eingegangen. Ende Juni 2019 chauffierte sie die drei Männer mit ihrem Golf nach Göttingen.

Dort traf die Gruppe einen weiteren Mann, einen 24-jährigen Deutschen mit Wurzeln in Kasachstan, der sich neben dem 24-jährigen Litauer ebenfalls vor der zehnten Strafkammer verantworten muss.

Bande soll es bei Überfall in Kassel auch auf Rolex-Uhren abgesehen haben

Laut Anklage war geplant, dass diese beiden Männer, die bei der Tat auf der Rückbank des Mercedes gesessen haben sollen, Schmuck und Uhren der Marke Rolex bei dem Juwelier einsammeln, sobald die Täter die Schaufensterscheibe durchfahren haben. In dem Geschäft soll Ware im Gesamtverkaufswert von einer Million Euro gelegen haben. Dieser Plan scheiterte, weil das Panzerglas dem Auto standhielt.

Von Göttingen sei die Gruppe dann zunächst an den Baggersee nach Rosdorf gefahren, schilderte die 25-jährige Litauerin. Dort hätten sich die beiden Köpfe der Bande von einem Parkplatz den Mercedes besorgt. Ihr sei das zwar komisch vorgekommen, aber sie habe zunächst die Schilderung der Männer hingenommen, dass sie den Mercedes dort gekauft hätten. In Wirklichkeit hatten sie das Fahrzeug gestohlen.

Kassel: Bande schmiedete den Plan wohl beim Spaziergang durch die Innenstadt

Anschließend fuhr die Fünfergruppe in zwei Fahrzeugen nach Kassel, wo sie den Mercedes zunächst in der Lilienthalstraße abstellten. Einen Tag später spazierten die fünf durch die Kasseler Innenstadt, wo sich der Plan für den Überfall wohl konkretisierte.

Sie selbst habe erst auf der Rückfahrt nach Göttingen zum ersten Mal gehört, dass die Männer vorhatten, den Juwelier in Kassel zu überfallen. „Bis zu dem Moment wusste ich nicht, dass sie etwas Schlechtes planen.“ Die Männer hätten diskutiert, wie man in das Geschäft gelangen könne. Mit Masken wären sie nicht hineingekommen, ohne Masken hätte man sie erkannt. So entstand wohl der Plan, den Mercedes als Rammbock zu nutzen.

Überfall in Kassel: Bandenboss soll Familie der Angeklagten bedroht haben

Zurück in Göttingen, wo die vier Litauer in einem Hotel wohnten, habe sie dem Chef der Bande mitgeteilt, dass sie mit dem Raub nichts zu tun haben wolle, so die 25-Jährige. Sie habe zurück nach Litauen fahren wollen. Doch der Chef habe gesagt, dass man sie noch benötige.

Der Kopf der Bande habe ihr damit gedroht, dass er wisse, wo sie und ihre Großmutter in Litauen wohnen. „Ich hatte Angst um meine Familie“, so die junge Frau. Aus diesem Grund habe sie keinen anderen Ausweg gesehen, als bei dem Plan mitzumachen.

Nach gescheitertem Überfall: Bande flüchtete in VW Golf aus Kassel

Am 2. Juli 2019 um 14.15 Uhr versuchten die vier mit Sturmhauben maskierten Männer mit dem gestohlenen Mercedes das Schaufenster des Juweliers Schmidt zu durchbrechen. Vergeblich. Allerdings richteten sie einen Schaden in Höhe von zwischen 400.000 und 450.000 Euro an. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft nahmen die Angeklagten auch in Kauf, dass Mitarbeiter und Passanten bei dem Überfall sowie der anschließenden Flucht verletzt werden.

Nach dem gescheiterten Überfall fuhren die Männer mit dem Mercedes zur Karl-Bernhardi-Straße hinter dem Fridericianum. Dort wartete die 25-Jährige mit dem Golf, der als Fluchtauto nach Litauen genutzt wurde. Der Prozess wird am Freitag, 29. Januar, fortgesetzt. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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