Fahndung mit Fotos

Überfall: Esso setzt hohe Belohnung aus

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Foto aus Überwachungskamera: Ausschnitt der Gesichtspartie des Täters

Kassel. Wenn spätabends das Handy von Klaus Rogall klingelt, bekommt der Tankstellen-Pächter Bauchschmerzen. Krimis schaut er ohnehin nur noch ungern.

Zu oft bekam er zuletzt die Nachricht, dass seine Tankstelle an der Ysenburgstraße überfallen worden ist. Zuletzt hatte am vergangenen Samstagabend ein maskierter Mann einen 29-jährigen Angestellten mit einer Pistole bedroht und sich das Geld aus der Kasse geben lassen. Derselbe Nachtschicht-Mitarbeiter stand auch zwei Wochen zuvor hinter der Kasse, als ein mit einem Messer bewaffneter Mann die Tankstelle überfiel. Seit September ist die Esso-Tankstelle im Wesertor insgesamt viermal beraubt worden.

Der 29-jährige Kollege habe die Überfälle recht gut verkraftet, sagt Rogall, „zumindest nach außen hin“. Psychologische Hilfe, die in solchen Fällen bei Esso immer angeboten werde, habe er abgelehnt. Eine Kollegin, die im November am helllichten Tag von einem Räuber bedroht worden war, habe den Vorfall weniger gut weggesteckt, berichtet Rogall. Sie habe sich Hilfe geholt, wolle aber bei der Arbeit nicht mehr über die Sache sprechen.

Nach dem Täter vom vergangenen Wochenende fahndet die Polizei noch. Die anderen drei Überfälle sind bereits geklärt. Den mutmaßlichen Räuber vom 19. Januar hatte die Polizei wenige Tage später gefasst. Für Hinweise, die zur Erfassung des Täters vom Samstag führen, hat Esso 5000 Euro Belohnung ausgesetzt, sagt Konzern-Sprecher Karl-Heinz Schult-Bornemann. „In den Kreisen, in denen sich die Täter bewegen, prahlen sie häufig mit ihren Taten. Da gilt es dann mitunter als witzig, wenn derjenige, der den Täter anzeigt, 20-mal so viel bekommt, wie der Räuber Beute gemacht hat.“

Überwachungskameras

In Tankstellen sei nicht viel zu holen, betont der Sprecher. Ab 250 Euro in der Kasse müsse das Geld in einen Tresor gebracht werden, der nur mit 30 Minuten Zeitverzögerung zu öffnen sei. „Die Zeit nimmt sich kein Räuber.“ Warum gerade die Tankstelle an der Ysenburgstraße zuletzt mehrfach Ziel von Räubern war, könne man sich schwer erklären. Möglicherweise habe es etwas mit der Autobahn-Nähe zu tun. Keiner der Täter, die gefasst wurden, stammte aus der Nähe, betont auch Pächter Rogall, dessen Familie die Tankstelle im Wesertor seit 50 Jahren betreibt.

Esso achte auf hohe Sicherheitsvorkehrungen, betont Sprecher Schult-Bornemann. In jeder der Tankstellen gebe es mehrere Kameras. An der Tür oder einer anderen Stelle befinde sich in 1,80 Meter Höhe außerdem ein Strich - so kann der Mitarbeiter oder die Polizei beim Auswerten der Videobilder die Größe des Täters relativ genau einschätzen. Einen Nachtschalter gibt bei Esso-Tankstellen nur noch selten. Das sei eine Entscheidung des Pächters.

Einen Nachtschalter lehnten auch seine Mitarbeiter ab, sagt Rogall. Bei dem regen Betrieb sei es zu umständlich, immer durch ein Fenster zu hantieren. Außerdem könne man kaum auf die Einnahmen aus dem Tankstellen-Shop verzichten. „Am Benzin ist ja für uns nicht viel zu verdienen.“

Das sagt die Polizei: Jüngste Taten sind fast alle geklärt

Zehn Tankstellen-Überfälle hat die Polizei in den vergangenen sechs Monaten in der Stadt Kassel registriert. Bis auf den jüngsten Fall bei Esso an der Ysenburgstraße und einen Überfall auf eine Aral-Tankstelle an der Leuschnerstraße vom September seien alle Taten geklärt, sagt Polizeisprecherin Sabine Knöll.

Die hohe Aufklärungsquote hänge auch damit zusammen, dass die Tankstellen videoüberwacht würden. „Wenn die Bilder aus den Anlagen gut sind, ist das für die Fahndung von Vorteil.“

Bei den Tätern handele es sich oft um Suchtkranke oder Menschen mit Schulden, die auf diese Weise zu Geld kommen wollten. Bei den jüngsten Fällen war die Waffe nur zur Einschüchterung benutzt worden, man rate aber den Tankstellen-Mitarbeitern, keinen Widerstand zu leisten. „Nicht den Helden spielen“, rät Knöll. Man wisse nie, wie ein Täter sich verhalte. Es sei auch schon zu äußerst brutalen Reaktionen gekommen, wenn sich die Räuber in die Enge gedrängt fühlten. Ein Nachtschalter könne dazu beitragen, dass die Täter zumindest nicht in den Verkaufsraum gelangen und die Mitarbeiter nicht so unmittelbar bedrohen könnten. Denkbar zum Schutz sei auch, die Eingangstür ab dem späten Abend nur gezielt zu öffnen. Ein Maskierter wird sich dann wohl nicht vor die Tür stellen.

Von Katja Rudolph

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