Anhand von Augenzeugenberichten wurde an die Opfer der Bombennacht gedacht

Gedenken auf dem Hauptfriedhof: (von links) Oberbürgermeister Bertram Hilgen, Oberst a.D. Jürgen Damm, stellvertretender Landesvorsitzender des VDK, und Kristina Blömer, Regionalbeauftragte des VDK Hessen Nord, legten Kränze nieder.

Kassel. „Es soll ein ähnlich schöner Tag wie heute gewesen sein“, sagte Alexandra Lutz, Leiterin des Kasseler Stadtarchivs, am Samstagnachmittag. Die Sonne strahlte am Himmel. Das war wohl auch vor 68 Jahren so, am 22. Oktober 1943.

Ein ganz normaler Tag in Kassel, wenn man in Zeiten des Krieges von Normalität überhaupt sprechen kann. Der 22. Oktober 1943 war ein Freitag, die Kasseler Innenstadt sei gut belebt gewesen, die Menschen besuchten die Kinos und das Theater. Der Fliegeralarm begann um 20.17 Uhr. Von diesem Zeitpunkt an wurden mehr als 400.000 Bomben auf die Stadt Kassel abgeworfen. 10.000 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben.

Um das Erleben der Menschen, die den Feuersturm überlebten, ging es am Samstag bei einem Stadtrundgang, zu dem das Stadtarchiv eingeladen hatte. 15 Frauen und Männer begleiteten Lutz und ihre Kollegin Dr. Barbara Hammes bei einem Spaziergang durch die Stadt. In eindrucksvoller Weise lasen die Wissenschaftlerinnen Augenzeugenberichte vor, die Karl Paetow, Leiter der Vermisstensuchstelle, kurz nach dem Bombenangriff mit Überlebenden geführt hatte.

Am Marstall, in dem heute Markthalle und Stadtarchiv untergebracht sind, trug Lutz den Überlebensbericht des damals 13-jährigen Franz N. vor. Der Junge hatte mit Mutter und Schwester Zuflucht im Luftschutzkeller unter der Gaststätte Pinne an der Wildemannsgasse gesucht. Franz und seine Schwester hatten Glück. Beide überlebten. Allerdings mussten sie mit ansehen, wie ihre Mutter in dem Keller erstickte.

„Ersticken war in dieser Nacht die häufigste Todesursache“, erzählte Lutz. 30 Prozent der Opfer seien daran gestorben. Eine weitere Station des Rundgangs war die Martinskirche, der Mittelpunkt des Angriffs, so Lutz. Die Alliierten hätten mit dem Angriff den mittelalterlichen Kern der Stadt treffen und die Bevölkerung demoralisieren wollen.

Welches Leid und welchen Schmerz die Menschen vor 68 Jahren erlebten, wurde durch den Bericht der damals 42-jährigen Elfriede Niemann manifestiert. Die Frau beschrieb, wie sie ihre neunjährige Tochter Ruth verzweifelt nach dem Angriff auf dem Friedrichsplatz suchte. Überall lagen Tote. Elfriede Niemann fand ihre Tochter nicht.

10 000 Opfer forderte der Bombenangriff auf Kassel. Lutz machte allerdings deutlich, dass man in diesem Kontext nicht vergessen dürfe, dass im gesamten Zweiten Weltkrieg 50 bis 70 Millionen Menschen starben.

Gedenken auf Friedhof

Zuvor hatte Oberbürgermeister Bertram Hilgen auf dem Hauptfriedhof einen Kranz zum Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs vor 68 Jahren niedergelegt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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