Erinnerungen an 1938

„Ich sah die verängstigten Kinder“: Überlebender erinnert sich an Pogromnacht in Kassel

Ein Archivbild aus Kassel vom 7. November 1938 mit einer Menschenmenge an der Großen Rosenstraße.
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Menschenmenge an der Großen Rosenstraße: Hier begannen am 7. November 1938 die Pogrome gegen Einrichtungen Kasseler Juden.

Der Kasseler Walter Sons hat 1938 die Pogromnacht in Kassel miterlebt. Seine Erinnerungen an die Nacht sind bis heute sehr stark. Uns berichtete er davon.

Kassel – Er hatte damals am Nachmittag noch Religionsunterricht. Als der vorbei war und der 13-jährige Walter Sons eigentlich nach Hause wollte, hörte er laute Stimmen. „Ein Gebrüll und Gejohle war das“, erinnert sich der Mann, der an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) aufgewachsen ist. Damals fand sein Unterricht nicht weit von der Großen Rosenstraße entfernt statt.

Von dort kam der Lärm. Hier befanden sich die jüdische Volksschule, ein Bethaus und mehrere andere Einrichtungen der jüdischen Gemeinde. Auf der Straße vor den Gebäuden lag zerbrochenes Mobiliar. Immer wieder flog etwas aus dem Fenster und ging zu Bruch. Darunter auch ein Harmonium. Diejenigen, die dafür verantwortlich waren, hat Walter Sons kaum zu Gesicht bekommen. Andere Augenzeugen berichteten später von etwa 30 Männern in Zivil, die alle die gleiche Art von Stiefeln getragen hätten.

Menschen verfolgten Geschehen an der Großen Rosenstraße

Die Menschen, die das Geschehen an der Großen Rosenstraße verfolgten, seien seltsam stumm, quasi erstarrt gewesen. „Und ich sah die verängstigten jüdischen Kinder“, sagt Walter Sons. Auch an das Gefühl, dass hier etwas Schlimmes passiert, kann er sich noch erinnern. Regelrecht beklemmend sei das gewesen.

Da stand der 13-jährige Schüler, der damals Mitglied der Hitlerjugend war. So wie alle seine Freunde, die die Ausflüge und Wanderungen für ein großes Abenteuer hielten. Der Junge, dessen Tante mit einem Juden verheiratet war und dessen Mutter nie einen Hehl aus ihrer Verachtung für die Nazis machte. „Sie hatte aus heutiger Sicht großes Glück, dass sie niemand denunziert hat“, sagt Walter Sons.

Ein Jugendfoto von Walter Sons, der die Pogromnacht in Kassel 1938 erlebt hat.

Einige Zeit nach der Pogromnacht, die in Kassel zwei Tage früher stattfand als in vielen anderen Städten, ist er mit seinen Eltern an der Synagoge an der Unteren Königsstraße vorbeigekommen. Hier gab es ebenfalls größere Schäden.

Schaulustige vor der Synagoge in Kassel

Am 7. November verwüsteten Kasseler Nazis auch die Einrichtung der Synagoge. Sie warfen Thorarollen, Stühle, Bänke und heruntergerissene Vorhänge auf die Straße und steckten sie an. Hunderte von Schaulustigen standen vor der Synagoge. Von der Unteren Königsstraße zog die Menge weiter zu dem von Juden geführten Café Heinemann ganz in der Nähe, das ebenso wie zahlreiche Geschäfte demoliert wurde.

Walter Sons, dessen Vater bei einem Bombenangriff 1944 starb, wird am Sonntag in der Martinskirche darüber berichten, was er vor so vielen Jahren gesehen hat. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, das ist ihm wichtig. Der Mann, der bis 1990 als Musikprofessor an der Kasseler Universität gelehrt und den Klangpfad im Park Schönfeld angelegt hat, war schon häufiger als Zeitzeuge an Schulen. Jetzt hat ihn Pfarrer Willi Temme gebeten, seine Geschichte bei einem Gedenkgottesdienst zu erzählen. Zu diesem Anlass wird dann auch die Osanna-Glocke läuten. Zum Gedenken an die früheren Nachbarn, an die Pogrome und den Holocaust.

Die Tante von Walter Sons ist 1939 mit ihrem jüdischen Mann gerade noch aus Deutschland entkommen. Sie lebte in Florida und kam nie zurück. „Weil mein Bruder und ich bei der Kriegsmarine waren, wollte sie nach dem Krieg nichts mehr mit uns zu tun haben“, sagt Walter Sons. Er ist im Verein „Gegen das Vergessen – für Demokratie“ engagiert und hat dafür gesorgt, dass es einen Stolperstein für die Tante und ihren Mann gibt. (Thomas Siemon)

Andacht in der Martinskirche

Am Sonntag, 7. November, 22 Uhr, beginnt die späte ökumenische Andacht in der Martinskirche (Dauer etwa 30 Minuten). Mit dabei sind Pfarrer Willi Temme, Pastoralreferentin Beatrix Ahr, Giulia Glennon (Orgel), Mario Heilmann (Marimbaphon) und Zeitzeuge Walter Sons.

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