"Volksmusik-Fans ignorieren alles"

Schiemann verkauft Anteile an Protex: Interview zur Sicherheitsbranche in Kassel

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Staffelübergabe im Auestadion: Hier nahm die Geschäftsbeziehung zwischen Ingrid Schiemann und Ernesto Plantera vor 28 Jahren ihren Lauf. Er arbeitete damals erstmals als Aushilfe für ihr Sicherheitsunternehmen. Jetzt hat die Expertin für Sicherheit ihre Firmenanteile an Protex und Plantera verkauft.

Kassel. Nach 40 Jahren ist für Ingrid Schiemann Schluss: Sie hat die Anteilte ihrer Firma an die Kasseler Protex Group und Ernesto Plantera verkauft. 

Sie war nicht nur eine der ersten Frauen in der Sicherheitsbranche überhaupt – vor 40 Jahren machte sich Ingrid Schiemann aus Kassel mit ihrem damaligen Mann mit einem Sicherheitsunternehmen auch selbstständig. Weil niemand aus ihrer Familie jetzt daran Interesse hatte, das Unternehmen zu übernehmen, hat die 69-jährige Expertin für Sicherheit ihre Gesellschaftsanteile an die Kasseler Protex Group und an Ernesto Plantera verkauft.

Das Unternehmen heißt jetzt protexsicherheit gmbh, und Plantera ist neben Protex-Chef Engin Akbag geschäftsführender Gesellschafter geworden. Mit Plantera und Ingrid Schiemann sprachen wir über die Sicherheitsbranche in Kassel.

Frau Schiemann, als Sie das Sicherheitsunternehmen vor 40 Jahren gründeten, galten sicher noch andere Regeln als heute, oder?

Ingrid Schiemann: Das stimmt. Es ist alles viel strenger geworden. Wenn wir früher neue Mitarbeiter rekrutiert haben, haben wir mit ihnen gesprochen, um festzustellen, ob sie aggressiv oder geeignet sind. Anschließend wurden sie intern geschult und sind zunächst mit einem erfahrenen Kollegen mitgelaufen. Natürlich war damals auch schon ein polizeiliches Führungszeugnis erforderlich.

Auf diese Weise haben Sie vor 28 Jahren auch Ernesto Plantera in die Sicherheitsbranche geholt.

Schiemann: Bei Ernesto war die Entscheidung schnell gefallen. Der war Kampfsportler, den habe ich gern genommen. In den 1980er-Jahren habe ich viele Mitarbeiter aus dem Freundes- und Bekanntenkreis meiner Söhne gewonnen. Mir war wichtig, dass ich die Leute kannte oder zumindest jemanden, der für sie gebürgt hat.

Weil die Branche mit Vorurteilen zu kämpfen hatte?

Schiemann: Es gab sehr viele schwarze Schafe, aber nicht nur in Kassel. Früher wurden zum Teil Leute als Aufpasser eingesetzt, die wegen Raub oder Körperverletzung verurteilt worden waren. Hauptsache, sie waren groß und sahen gut aus, haben einige gedacht. Ende der 80er-Jahre hat sich ja fast jeder Türsteher selbstständig gemacht und seine Dienste zu Dumpingpreisen angeboten. Damals hatte die Bewachungsbranche einen ganz schlechten Ruf. Außer Schiemann. Wir waren der Mercedes in der Branche. Wir haben ja auch Daimler in der Sandershäuser Straße 25 Jahre lang bewacht.

Mit ihrem Team sorgte Ingrid Schiemann (Mitte) schon in den 80er-Jahren auf etwa 100 Konzerten im Jahr für Sicherheit.

Ab wann hat sich in der Branche etwas geändert?

Ernesto Plantera: In den 90er-Jahren. Bis dahin gab es keine Qualifikation. Heutzutage müssen alle Mitarbeiter zumindest eine Unterweisung nach § 34 a der Gewerbeordnung haben und die im öffentlichen Bereich eingesetzten sogar die Sachkundeprüfung ablegen. Ein polizeiliches Führungszeugnis allein reicht auch nicht mehr aus. Aufgrund der aktuellen Gefährdungslage müssen sich jetzt alle Mitarbeiter auch einer Zuverlässigkeitsprüfung durch das Landeskriminalamt und Bundeskriminalamt unterziehen. Bei uns sind aktuell alle eingesetzten Mitarbeiter überprüft und sauber. Das ist ein beruhigendes Gefühl.

Gibt es dennoch immer noch schwarze Schafe in der Branche?

Plantera: Leider kommt es immer wieder vor, dass Sicherheitsunternehmer nicht ganz unbedenklich arbeiten. Wenn so etwas dann durch die Medien geht, werden wir lange Zeit darauf angesprochen. (Anmerkung der Redaktion: Der Chef des Sicherheitsdiensts 24 aus Vellmar muss sich derzeit vor dem Landgericht verantworten).

Bei Schiemann wurden von Anfang an auch Frauen als Sicherheitskräfte eingesetzt.

Schiemann: Das stimmt. Beim Veranstaltungsschutz sind Frauen von Vorteil. Ich bin 1,85 Metzer groß, meine Schwester ist groß und meine Söhne hatten große Freundinnen, die bei uns mitgearbeitet haben. Aber nicht nur wegen ihrer Größe. Frauen wirken deeskalierend. Besonders bei Konzerten, wenn weibliche Fans völlig hysterisch werden. Ich habe es bei einem Konzert von Roland Kaiser in der Stadthalle erlebt, dass eine Frau einem Mitarbeiter von uns so fest am Schal gezogen hat, dass dieser kaum noch Luft bekam. Es gab auch viele extreme Situationen mit weiblichen Fans in der Eissporthalle.

Und da können Frauen besser mit umgehen?

Schiemann: Frauen können mit weiblichen Fans anders reden. Ich weiß von meinen eigenen Söhnen, dass Frauen ihnen einige eindeutige Angebote gemacht haben. Die haben gesagt, wir können uns später treffen, wenn Du mich zu dem Sänger durchschleust. Manche haben unsere Mitarbeiter auch an intime Stellen angefasst, mit dem Ziel, den Stars näherzukommen.

Weibliche Sicherheitskräfte waren bei weiblichen Fans also nicht immer beliebt?

Schiemann: Richtig: Wir sind auch beschimpft worden. Als Hure und so weiter. Das war manchmal unterste Schublade.

Hören Männer besser auf weibliche Sicherheitskräfte?

Schiemann: Nicht immer. Alte Männer können auch sehr schwierig und weisungsresistent sein. Das schlimmste Publikum gibt es nach wie vor bei der Volksmusik. Diese Besucher ignorieren alles. Die glauben, dass sie mit der Eintrittskarte die ganze Halle gekauft haben.

Haben es Sicherheitskräfte heute schwerer als früher?

Plantera: Nein. Aufgrund der Terrorgefahr und anderer Faktoren wie zum Beispiel dem Wetter wissen die Besucher heutzutage, dass wir nicht ohne Grund da sind. Unsere Philosophie lautet, dass wir den Gästen den Spaß lassen, aber das Risiko minimieren möchten. Das Wichtigste ist die Kommunikation mit den Leuten. Die müssen verstehen, warum sie zum Beispiel in einer Schlange warten müssen.

Sicherheitsdienste müssen nicht nur aufpassen, sondern auch Konzepte entwickeln.

Plantera: Wir müssen alles berücksichtigen, was zu Problemen führen kann. So eine Risikoanalyse haben wir zum Beispiel auch beim Parthenon der Bücher auf dem Friedrichsplatz gemacht. Die Künstlerin Marta Minujín wollte eigentlich, dass sich alle Besucher am Ende der documenta die Bücher von dem Kunstwerk selbst abreißen. Wir haben daraufhin eine Woche lang Krisengespräche mit ihr geführt, um diesen Plan zu ändern.

Warum ?

Plantera: Das wäre in einer Katastrophe geendet. Die Leute wären sicher an allen Säulen hochgeklettert, um an die Bücher zu kommen. Das hätte man nicht mehr kontrollieren können. Unser Konzept, das sich alle ordentlich anstellen müssen, hat auch dazu geführt, dass die Bücher in einer Woche an über 30 000 Menschen verteilt werden konnten.

Zu den Personen:

Ingrid Schiemann (69) hat vor 40 Jahren mit ihrem damaligen Mann das Sicherheitsunternehmen Schiemann in Kassel gegründet. Zu Spitzenzeiten arbeiteten in der Firma 150 festangestellte Mitarbeiter und 150 Aushilfen. Schiemann hat zwei Söhne und drei Enkel. Sie hat einen Lebensgefährten und will künftig zur Ruhe kommen und reisen.

Ernesto Plantera (44) arbeitete erstmals vor 28 Jahren für Ingrid Schiemann. 1998 wechselte er zum Sicherheitsdienst Protex, bei dem er zuletzt Geschäftsbereichsleiter war. Mit dem Kauf der Schiemann GmbH ist Plantera geschäftsführender Gesellschafter der neuen protexsicherheit gmbh geworden. Plantera lebt mit seiner Lebensgefährtin zusammen. Er hat vier Kinder und zwei Enkelkinder.

Zum Porträt von Ingrid Schiemann geht es hier.

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