Zahl seit 1997 rückläufig - Ein Erklärungsversuch

Überraschende Entwicklung: 35 Prozent weniger Türken in Kassel

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Foto der Ausstellung "50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei": Osman Karakas, hier 1963 in der Halle des Waggonbauers Credé, war einer der ersten türkischen Gastarbeiter in Kassel.

Kassel. Kassel hat mit 204.000 so viele Einwohner wie noch nie. Etwa 18 Prozent davon sind Ausländer. Den größten Anteil stellen die Türken - doch ihre Zahl wird immer geringer.

204.000 Einwohner zählt die Stadt in ihrer jüngsten Erhebung – ein Allzeithoch. Etwa 36.700 davon sind Ausländer. Das entspricht 18 Prozent. Den größten Anteil stellen wie schon in den Jahren zuvor die Türken mit 7046. Das Überraschende: Die Zahl der in Kassel lebenden Türken hat in den vergangenen 20 Jahren – also zwischen 1997 und 2017 – um 35 Prozent abgenommen.

Doch was wurde aus den türkischstämmigen Kasselern? Spontan ergeben sich zwei mögliche Antworten: Entweder sie sind verstärkt fortgezogen, oder sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. 

Eine Gruppe Studierender der Uni Kassel hat sich während des noch laufenden Semesters unter der Leitung von Prof. Dr. Carsten Keller mit der Frage nach Trends in der Verteilung von Migrationsgruppen in der Stadt beschäftigt. Ihre Erkenntnis: Die abnehmende Zahl der Türken korreliert in dem von ihnen untersuchten Zeitraum zwischen 2005 und 2016 mit der ansteigenden Zahl der Deutschen in Kassel. 

Das lässt den Rückschluss zu, dass ein Großteil der in Kassel lebenden Türken in dieser Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ein Blick auf die Einbürgerungsstatistik des Regierungspräsidiums untermauert die These der Studierenden. In den vergangenen sieben Jahren sank die Zahl der Türken in Kassel um 904. Im gleichen Zeitraum haben 993 Türken die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. 

Doch die sinkende Zahl hat noch andere Ursachen, sagt der Vorsitzende des Kasseler Ausländerbeirats Kamil Saygin. Viele jüngere, gut ausgebildete Türken sähen in der Türkei etwa bessere Chancen auf einen Job. Saygin sieht Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach wie vor diskriminiert.

"Türken tief Verwurzelt in der Stadt"

Zur Geschichte und Situation der Türken in Kassel haben wir mit dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats Kamil Saygin (69) gesprochen.

Herr Saygin, 35 Prozent weniger Türken in 20 Jahren – die Einbürgerungsstatistik legt nahe, dass viele die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben. Das trifft aber nicht auf alle zu. Oder? 

Kamil Saygin: Natürlich ist es auch so, dass Vertreter der ersten Generation sterben und die Jungen, die hier geboren sind, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ein Teil des Rückgangs ist auch mit der Ausreise von Rentnern zu erklären, die ihren Lebensabend in der warmen und sonnigen Türkei verbringen wollen.

Welche Gründe gibt es noch? 

Saygin: Es wandern auch viele junge, gut ausgebildete Menschen ab, die in der wirtschaftlich boomenden Türkei besser Jobs bekommen als hier. Das hat mit der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt zu tun, darüber müssen wir weiter eine öffentliche Debatte führen.

Definieren sich die Kasseler Türken als Deutsche oder als in Deutschland lebende Türken? 

Saygin: Die Leute sehen sich in erster Linie als Menschen. Fragen der nationalen Zugehörigkeit spielen nach meinen Beobachtungen eine untergeordnete Rolle. Vielmehr herrscht Unverständnis über diese immer wieder vorgebrachte Frage.

Aber hat nicht jeder Mensch eine nationale Identität? 

Saygin: Die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte definieren sich eher als Kasselerinnen und Kasseler oder Nordhessinnen und Nordhesse. Zugehörigkeit und Verwurzelung erstreckt sich für viele Menschen mit türkischem Hintergrund irgendwo zwischen Kassel, Vellmar, Baunatal, Istanbul, Izmir, Konya, Mardin, Ankara oder Trabzon. Vor allem in Nord-Holland, Wesertor und Rothenditmold leben viele Türken. 

Gehören zum Stadtbild wie der Herkules: Türkische Supermärkte, wie dieser hier am Stern, und Restaurants haben inzwischen eine lange Tradition in Kassel.

Bilden Türken und Deutsche dort eine Gemeinschaft oder leben sie nebeneinander her? 

Saygin: Es gibt eine unglaubliche Vielzahl von sozialen Bindungen zwischen der alteingesessenen und der zugewanderten Bevölkerung. Das sehe ich im Sport, beim Feiern von Festen, in Kleingartenvereinen, in der Nachbarschaftshilfe, im interreligiösen Dialog, an der Universität, in der Kultur, in der Sprache, beim Essen, bei Gedenkveranstaltungen, in den Betrieben und Verwaltungen und auch in Partnerschaften.

Mit Verlaub, ist das nicht eher eine Idealvorstellung? 

Saygin: Das gemeinsame Miteinander funktioniert natürlich nicht einfach so. Das erfordert Mut und vorurteilsfreie Zugewandtheit aller Beteiligten. Dazu gehört auch, bestimmte lieb gewonnene und nicht hinterfragte Vorurteile und Gewohnheiten über Bord zu werfen – und zwar von allen Seiten.

Wie kann das funktionieren? 

Kamil Saygin

Saygin: Die zugewanderten Menschen bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit, die sie unterschiedlich gut auf die Anforderungen der deutschen Gesellschaft vorbereiten. Daher müssen wir auch genau hinhören und fragen: „Wie geht es euch hier? Was braucht ihr, um euch erfolgreich zu integrieren?“ Auf der anderen Seite müssen wir aber auch deutlich sagen, was unsere Anforderungen und Erwartungen an die neuen Kasselerinnen und Kasseler sind. Als Ausländerbeirat wollen wir diese Brückenfunktion wahrnehmen. 

Ist Kassel auch für Türken das von Oberbürgermeister Christian Geselle deklarierte „beste Zuhause“? 

Saygin: Ich halte das Versprechen des Oberbürgermeisters, für alle Menschen in Kassel ein „bestes Zuhause“ zu schaffen, für ein richtiges Anliegen und für eine gute Grundlage einer erfolgreichen, in die Zukunft gerichteten Politik. Kassel ist eine erfolgreiche und lebenswerte Stadt, in der die Menschen gut ankommen und auch gerne bleiben. Das ist ein Verdienst vieler Initiativen, Vereine, Verbände, der Politik und der Verwaltung, vor allem aber auch vieler Einzelpersonen, sei es im Ehrenamt oder im Beruf.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf? 

Saygin: Es gilt, diese Menschen und Institutionen zu stärken und gut auf die Herausforderungen vorzubereiten, die vor uns liegen in einer Stadt, in der fast 40 Prozent der Einwohner eine Migrationserfahrung haben. Die Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens in einer Gemeinschaft, in der alle ihren Platz haben, ist eine Aufgabe, die uns dauerhaft begleiten wird. Da dürfen wir uns nicht zurücklehnen, sondern müssen am Ball bleiben.

Die Geschichte der Gastarbeiter

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in vielen deutschen Städten händeringend Arbeiter gesucht. 1955 schloss die BRD deshalb das erste Anwerbeabkommen mit Italien. In solchen Abkommen wurden die Organisation und Kosten für die Anreise, Bezahlung und ein möglicher Familiennachzug geregelt. Im Oktober 1961 schloss die Bundesregierung auch ein Abkommen mit der Türkei, das jedoch strikte Vorgaben wie eine Begrenzung der Arbeitsdauer von zwei Jahren und eine Gesundheits- und Eignungsprüfung machte. Diese wurden aber später aufgehoben. 1969 kam bereits der millionste Gastarbeiter aus Südosteuropa in Deutschland an. Wegen einer schwächelnden Wirtschaft und der Ölkrise beschloss die Bundesregierung Ende 1973 einen Anwerbestopp für alle Länder. Für die Gastarbeiter im Land hatte dies keine Auswirkungen. Viele blieben in Deutschland und holten ihre Familien zu sich. 1961 lebten rund 7000 Türken in Deutschland, zehn Jahre später waren es 650.000. 

Wussten Sie schon, dass...

...heute jeder fünfte Kasseler Ausländer ist und in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre der Anteil derer, die keinen deutschen Pass hatten, nur 0,7 Prozent betrug? 

...die ersten türkischen Gastarbeiter Anfang der 1960er-Jahre nach Kassel kamen und zu dieser Zeit etwa 3000 ausländische Mitarbeiter in den Betrieben Kassels und des Umlands gezählt wurden? 

...nach dem Zweiten Weltkrieg in Kassel hunderte Arbeitskräfte fehlten und vor allem die Maschinen- und Fahrzeugbaufirma Henschel gezielt Gastarbeiter anwarb? 

...es 1962 nur rund 700 Arbeitslose im Agenturbezirk Kassel gab – bei 5000 freien Stellen? 

...der Anteil der Ausländer auch in Kassel so rasant anstieg, dass bereits 1966 drei Prozent der Kasseler Ausländer waren? 1973 lag der Anteil bei fünf Prozent.

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