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Krieg in der Ukraine: Kindergeburtstag im Schutzkeller - Kasselerin bangt um ihre Familie

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Von: Axel Schwarz

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Draußen droht Lebensgefahr: Im Keller eines Wohnblocks im ostukrainischen Charkiw vertreiben sich Kinder mit Kartenspielen die Zeit. Rechts die neunjährige Veronika, die ihren Geburtstag dort verbringen musste, daneben ihr älterer Bruder Garegin.
Draußen droht Lebensgefahr: Im Keller eines Wohnblocks im ostukrainischen Charkiw vertreiben sich Kinder mit Kartenspielen die Zeit. Rechts die neunjährige Veronika, die ihren Geburtstag dort verbringen musste, daneben ihr älterer Bruder Garegin. © privat

Kasseler mit ukrainischen Wurzeln erhalten bedrückende Nachrichten aus dem Kriegsgebiet und bangen um ihre Angehörigen.

Kassel/Charkiw – In Sorge um ihre Angehörigen und Freunde in der Ostukraine hat Alexandra Jäger aus Kassel in den letzten Tagen viele bange Stunden verbracht und aus ihrer Geburtsstadt Charkiw ungezählte Handy-Nachrichten gelesen. Eine davon, am Samstagmorgen, brachte die Kasselerin lauthals zum Weinen.

Die Botschaft kam aus einem Wohnblock-Keller, in dem ihre Schwester Swetlana, deren beide Kinder sowie alle anderen Bewohner aus Angst vor russischem Beschuss die meiste Zeit des Tages ausharren. Alexandra Jägers Nichte Veronika, sie ist jetzt neun Jahre alt, schrieb an ihre Tante in Kassel: „Ich habe heute Geburtstag! Und es ist Krieg. Ich möchte gerne irgendwohin gehen, aber ich kann nicht. Kannst du mir jetzt gratulieren? Bitte.“

Geburtstagspost aus Kassel kommt nicht in der Ukraine an

Auch am Montag ist der 34-Jährigen anzumerken, wie sehr ihr das zusetzt. Ein Geburtstagsgeschenk für Veronika liegt seit einigen Tagen in Kassel im Regal, „es sollte mit dem nächsten Päckchen verschickt werden“, sagt Alexandra Jäger, die 2008 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist und in der Kasseler Grundschule am Heideweg als Lehrerin arbeitet.

Doch Veronika kann keine Geburtstagspost empfangen, sie muss wie andere Kinder und ihre Familien im Ukraine-Krieg um ihr Leben fürchten. Seit dem Wochenende liegt Charkiw, keine 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, unter schwerem Beschuss. Auch das Zentrum der zweitgrößten Stadt der Ukraine ist Schauplatz von Kampfhandlungen.

Alexandra Jäger aus Kassel bangt um ihre Familie in der Ukraine.
Alexandra Jäger aus Kassel bangt um ihre Familie in der Ukraine. © privat

Menschen in der Ukraine kommunizieren über Handy mit Angehörigen – wenn es Netz gibt

In dem neunstöckigen Gebäude, in dem Alexandra Jäger aufwuchs, ist keine Fensterscheibe mehr intakt. Die Straßen seien menschenleer; „niemand geht irgendwo hin – außer, um Essen zu beschaffen“, berichtet die Kasselerin. Nur für kurze Momente trauten sich die Bewohner aus den kalten, feuchten Kellern nach oben, um Wasser und Decken zu holen oder ihre Handys aufzuladen.

Ukraine-Krieg - hier gibt es aktuelle Karten und Grafiken zur russischen Invasion.

Die sind die Nabelschnur, über die Familien und Freunde sich über die aktuelle Entwicklung austauschen und sich ständig vergewissern, ob alle noch wohlauf sind – sofern es denn gerade Netz und Akkustrom gibt. Auch Alexandra Jäger wartet ständig darauf, dass ihr Handy wieder summt, und durchlebt schlimme Stunden, wenn dies für eine Weile ausbleibt. „Wir leben nur noch von einer Nachricht zur anderen“, sagt sie.

Aber die Kommunikation per Handy sei auch riskant für einzelne Nutzer und für die gesamte Ukraine: Man gehe davon aus, dass russische Stellen den Chat-Verkehr mitlesen und „falsche Informationen und Hilfeanfragen einschleusen“ würden. Daher sei es üblich, dass sich die Menschen am Handy einer Art Code-Sprache bedienen und Nachrichten nach dem Empfang sofort löschen würden.

Ukrainern in Kassel verliert Kontakt zu Bekannten, die zu ihr Flüchten wollten

So sei es auch gewesen, als sich am Wochenende ein alter Schulfreund bei der Kasselerin per Chat-Nachricht meldete. Er schrieb, dass er Frau und Sohn auf die Flucht Richtung Westen geschickt habe. Seine eindringliche Bitte: „Finde sie und hilf ihnen!“ Fotos und Handynummern seiner Lieben hatte er mitgeschickt – mit der Anweisung, diese gleich zu löschen.

Schon Stunden später, so Jäger, war das alles nicht mehr wahr: Das Haus des Freundes wurde bombardiert, die Ehefrau brach in Panik ihre Flucht ab, kehrte mit dem Sohn zurück. „Jetzt verstecken sie sich wohl in den Trümmern“, neuere Nachrichten hat sie nicht mehr erhalten. Im Raum Charkiw sei bisher fast niemandem die Flucht vor dem Krieg gelungen, sagt Alexandra Jäger.

Um ihre Freunde und Angehörigen bangt die Kasselerin Stunde um Stunde. Ihrer Nichte Veronika sei nicht einmal der Geburtstagswunsch erfüllbar gewesen, ihre Katze in den Keller-Unterschlupf zu holen. Zu gefährlich, habe ihre Mutter entschieden. (Axel Schwarz)

Zahlreiche Menschen aus der Region Kassel sind unmittelbar persönlich vom Krieg in der Ukraine betroffen. In einem bewegenden Facebook-Video schildert eine Frau aus dem Kreis Kassel ihre Flucht aus der Ukraine. Die Kasselerin Iryna Höhmann war vor einem Monat selbst noch zu Besuch in der Ukraine. Jetzt sorgt sie sich um ihre Mutter, die dort lebt. Flucht ist nicht mehr möglich, sagt sie.

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