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Traumatische Flucht aus der Ukraine: Mann aus dem Kreis Kassel holt geflüchtete Ehefrau an Grenze ab

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Von: Theresa Novak

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Iryna Hildebrandt ist sicher in Helsa-Wickenrode angekommen, aber kämpft sehr mit den Erlebnissen auf ihrer Flucht. Neben ihr sitzt ihr Ehemann Christian.
Iryna Hildebrandt ist sicher in Helsa-Wickenrode angekommen, aber kämpft sehr mit den Erlebnissen auf ihrer Flucht. Neben ihr sitzt ihr Ehemann Christian. © Theresa Novak

Tausende verlassen wegen des Krieges die Ukraine. Auch in unserer Region kommen Geflüchtete an – meist verängstigt und erschüttert durch ihre Erlebnisse. Iryna Hildebrandt ist eine davon.

Helsa – Wenn Iryna Hildebrandt über das spricht, was sie vor gut einer Woche erlebt hat, bricht sie immer wieder in Tränen aus. Ihre Flucht aus der Ukraine, zusammen mit Familienmitgliedern, darunter ein vierjähriges Kind und ein Baby, hat sie schwer traumatisiert. „Die Fahrt von Kiew in die knapp 600 Kilometer entfernte Stadt Lwiw hat 16 Stunden gedauert“, sagt die 43-Jährige. „Dann sind wir weiter Richtung polnische Grenze, wo wir 15 Stunden ausharren mussten, bevor wir durch die Passkontrolle kamen. Das alles bei minus 2 Grad, mit Koffern, Kindern und einem Hund. Es war einfach schrecklich.“

Hildebrandt ist nun sicher bei ihrem Ehemann in Helsa-Wickenrode im Kreis Kassel. Der Rest der Familie ist in Polen untergekommen. Die beiden haben sich 2018 über eine Internetplattform kennengelernt und sich seitdem alle sechs bis acht Wochen wechselseitig besucht. Im vergangenen Jahr heiratete das Paar in Kiew. „Unser Plan war, dass Iryna im April zu mir zieht“, sagt Christian Hildebrandt. „Ich habe gerade erst mein Haus renoviert, damit wir hier in unsere gemeinsame Zukunft starten können.“ Der Umzug war schon vorbereitet, die meisten Sachen in Kartons. „Wir hoffen, dass wir irgendwann nach Kiew können, um sie abzuholen“, sagt Hildebrandt.

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Er war es, der seine Frau an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen abgeholt hat. „Ich habe in der Nacht vor Kriegsbeginn gearbeitet und deshalb schon die ganze Zeit verfolgt, wie sich die Lage entwickelt. Am Morgen kontaktierte ich dann gleich Iryna, um mit ihr abzusprechen, wie sie sich in Sicherheit bringen kann. Als klar war, dass sie von ihrem Bruder und seiner Familie zur Grenze gebracht wird, bin ich sofort losgefahren.“ Nach zwölf Stunden erreichte er sein Ziel.

Damals war noch alles in Ordnung: Das Bild entstand 2021 auf dem Mikhailovskaya-Platz in Kiew. Christian Hildebrandt hat seine Frau Iryna oft in Kiew besucht und die Stadt lieben gelernt.
Damals war noch alles in Ordnung: Das Bild entstand 2021 auf dem Mikhailovskaya-Platz in Kiew. Christian Hildebrandt hat seine Frau Iryna oft in Kiew besucht und die Stadt lieben gelernt. © privat

Doch zu diesem Zeitpunkt konnte er seine Frau noch lange nicht in die Arme schließen. Sie steckte in einer kilometerlangen Menschen-Schlange fest und kam nicht vorwärts. „Ich habe zusammen mit vielen anderen gewartet, die auch Verwandte abholen wollten. Die Hilfsbereitschaft untereinander war sehr groß. Wir haben alles geteilt, jeder hatte irgendetwas zu essen oder trinken dabei.“

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Als Hildebrandt seine Frau in die Arme schließen konnte, war diese „unterkühlt und völlig fertig“. „Als wir dann nach weiteren langen Stunden im Auto in Wickenrode ankamen, hat sie erstmal heiß gebadet und danach zehn Stunden geschlafen.“ Obwohl Iryna sich körperlich erholt hat, geht es ihr nicht gut. „Ich bin physisch hier, aber im Kopf ganz weit weg“, sagt die 43-Jährige. „Ich brauche Tabletten, um überhaupt schlafen zu können.“ Neben den traumatischen Erlebnissen auf der Flucht und die Trauer um ihre teilweise zerstörte Heimatstadt beschäftigt sie vor allem die Sorge um ihre Eltern. Die sind in Kiew geblieben.

„Sie hätten mit nach Deutschland kommen können, aber sie wollten nicht. Meine Mutter ist stark. Sie sagt immer, ich soll mir keine Sorgen um sie machen.“ Mit ihr steht Iryna täglich in Kontakt. „Meine Eltern schlafen zur Sicherheit im Keller. Ich hoffe, dass ihnen nichts passiert, weil sie ein paar Kilometer weit vom Stadtzentrum entfernt wohnen.“

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Aus der Ukraine raus kämen sie jetzt sowieso nicht mehr - eine Flucht ist nicht mehr möglich. „Das ist nun zu spät. Viele Straßen und Brücken sind zerstört, und mit dem Zug kommt man auch nicht weg.“ Hildebrandt hat eine 22-jährige Tochter, die ihr erstes Kind erwartet. „Sie ist glücklicherweise schon seit Januar in München.“ Die 43-Jährige sieht sich und ihre Familie aber auch in Deutschland nicht in Sicherheit. „Putin ist verrückt, er wird auch andere Länder mit in den Krieg hineinziehen. Jemand muss ihn stoppen.“

In den nächsten Wochen will sich das Ehepaar erst mal sortieren. „Wir müssen Klamotten kaufen, Iryna hat ja nichts dabei gehabt. Noch nicht mal Socken zum Wechseln“, sagt Christian Hildebrandt. (Theresa Novak)

Erst kürzlich schilderte eine Frau aus dem Kreis Kasel ihr Flucht aus der Ukraine in einem emotionalen Facebook-Video.

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