„Volk soll entscheiden“

Ukrainerin und Russe im Interview zur aktuellen politischen Situation

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Die Ukrainerin Halyna Semenyshyn (von links) und der Russe Pavel Gorbachev, zwei Studenten in Kassel, unterhielten sich mit HNA-Redakteurin Christina Hein über die Situation in der Ukraine.

Kassel. Die Welt schaut auf die Krim. Nach Kämpfen in Kiew und der Absetzung des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch hat Russlands Präsident Putin Militär auf die Krim entsandt. Wir sprachen mit einer Ukrainerin und einem Russen in Kassel.

Zurzeit überschlagen sich die Nachrichten aus der Ukraine. Wie verfolgen Sie die Ereignisse fern Ihrer Heimat? 

Pavel Gorbachev: Ich gucke deutsches Fernsehen, aber verfolge über das Internet auch russische und ukrainische Medien.

Halyna Semenyshyn: Auch ich informiere mich über viele Quellen. Ich schaue deutsches Fernsehen, aber via Internet höre ich BBC-Nachrichten und lese zeit.de sowie ukrainische elektronische Zeitungen. Ich bin über Facebook in mehreren Gruppen und bekomme auf mein Smartphone aktuelle Informationen.

Was hören Sie von Ihren Familien und Freunden daheim? 

Gorbachev: Ich spreche nicht so intensiv mit meinen Freunden über dieses Thema, aber jeder interessiert sich und ist froh, dass Russland das Volk in der Südost-Ukraine nicht allein lässt.

Semenyshyn: Ich habe die Aufregung und die Sorgen meiner Familie direkt mitverfolgt. Es gab Zeiten, da telefonierte ich täglich. Was ich hörte, hat mich gestresst, es war zeitweise beunruhigend, hier und nicht in der Ukraine zu sein. Mein Onkel und andere waren regelmäßig auf dem Majdan. Mein Vater arbeitet in Russland, meine Mutter ist politisch interessiert. Meine Familie ist wirklich involviert. Vor zwei Wochen war ich zu Besuch in der Ukraine und habe die Unruhen selbst erlebt. Als ich wegen einer blockierten Straße festsaß, hatte ich einen Moment lang Angst, nicht mehr nach Deutschland zurückfliegen zu können.

Werden Sie auf die Situation in der Ukraine angesprochen? 

Gorbachev: Ja, ich werde angesprochen, vor allem in letzter Zeit. Ich tausche mich gern aus – auch über Politik.

Semenyshyn: Von Beginn an haben mich meine Freunde hier auf die Ukraine und den Majdan angesprochen, haben nachgefragt und sich nach meiner Familie erkundigt. Es wird viel geredet. In der Mensa sitzen manchmal Studenten aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion zusammen und diskutieren. Kürzlich gab es einen Doktorandenworkshop zum Sonderthema Ukraine, zu dem ich eingeladen war. Ich finde es gut, wenn die Menschen Anteil nehmen. Gorbachev: Informationen sind eine starke Waffe. Wenn man nicht weiß, wo eine Information herkommt, kann man sich eigentlich keine Meinung bilden oder Entscheidungen treffen.

Russlands Präsident Putin hat verkündet, dass er einen militärischen Einsatz in der Ukraine derzeit nicht für notwendig hält, er sich aber „eine humanitäre Mission“ vorbehält. Macht Ihnen das Angst? 

Semenyshyn: Angst vor einem Krieg? Nein, das kann nicht sein. Aber Angst vor einer Spaltung des Landes habe ich.

Gorbachev: Die Situation ist gefährlich. Der Konflikt vor Ort kann sich ausweiten und das Verhältnis zwischen Russland und den USA gefährden.

Semenyshyn: Und dieser Konflikt wird durch die Medien nur noch angefacht.

Gorbachev: Medien haben eine ebenso verantwortungsvolle Rolle wie die Politik. Ein aus dem Kontext genommener Satz kann unter Umständen großes Unheil anrichten.

Wie bewerten Sie Putins Soldatenaufmarsch auf der Krim?

Gorbachev: Das russische Militär sorgt für Ruhe und Sicherheit.

Semenyshyn: Das sehe ich anders. Ich glaube, es war ein strategischer Fehler von Putin, und er sollte das Militär zurückziehen.

Was muss getan werden, um den Konflikt anzugehen? 

Gorbachev: Der Konflikt muss ruhig, diplomatisch und im gesetzlichen Rahmen gelöst werden. Sanktionen sind keine Lösung, sie können Waffen sein, und die Probleme nur verstärken.

Semenyshyn: Es muss eine friedliche Lösung geben. Sollte sich Russland einmischen, muss Europa der Ukraine den Rücken stärken. Ein Problem, das die Diplomatie erschwert: Es stecken so viele Interessen hinter dem Konflikt. Es geht um politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Ein Problem sehe ich darin, dass die Ukraine finanzielle Unterstützung benötigt und so zwangsläufig in eine Abhängigkeit gerät.

Welche Wünsche haben Sie? 

Gorbachev: Ich wünsche mir, dass nach Ursachen für die Unruhen in der Ukraine gesucht und eine Lösung gefunden wird. Das Volk in der Ukraine soll im gesetzlichen Rahmen entscheiden, welche Regierung und Präsidenten es will. Die jetzige Regierung ist durch Revolution und Macht ans Ruder gekommen.

Semenyshyn: Ich wünsche mir für die Ukraine einen neuen, demokratisch gewählten Präsidenten und junge Leute ins Parlament, die ordentlich ihre Arbeit machen. Korruption und der Lobby der Oligarchen sollen der Kampf angesagt werden. Ich wünsche mir, dass sich alle ethnischen Gruppen in der Ukraine als eine Einheit sehen.

Von Christina Hein

Zu den Personen

Halyna Semenyshyn (28) ist in Wyhoda, West-Ukraine, geboren. Sie hat in Iwano-Frankiwsk „Management für Außenwirtschaftstätigkeit“ studiert. Nach einem USA-Aufenthalt hat sie ihren englischsprachigen Bachelor abgelegt. 2008 kam sie nach Kassel, um hier ihren Master zu machen in „Globaler politischer Ökonomie“. Mit einem Stipendium der Stiftung der Deutschen Wirtschaft promoviert sie in Politikwissenschaften und arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft.

Pavel Gorbachev (28) ist in Wladiwostok, Ost-Russland, geboren. Dort hat er Wirtschaftsinformatik studiert und als Datenschützer gearbeitet. Seit einem Jahr ist er an der Uni Kassel, wo er Deutsch lernt, um anschließend hier zu promovieren.

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