Ziel: International tätiger Rohstoff-Förderer

Umbau bei Kasseler Wintershall: Wingas künftig in russischer Hand

Kassel. An seiner Kasseler Tochter Wintershall hat der Ludwigshafener BASF-Konzern viel Freude. Dass sich der Chemieriese von der Branchenflaute abkoppeln kann, hat er in erster Linie dem nordhessischen Öl- und Gasförderer zu verdanken, für den 2012 wegen hoher Rohstoffpreise ein Rekordjahr werden könnte.

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Verdient wird vor allem mit der Förderung der wertvollen Rohstoffe. Die Gashandelstöchter Wingas (Kassel), WIEH (Berlin) und WIEE (Zug, Schweiz), trübten Wintershall hingegen zuletzt die Laune. Von hohen Umsätzen bleibt ihnen ein vergleichsweise kleiner Gewinn.

Denn seit einigen Jahren rumort es auf dem Markt: Die USA holen mit neuen Technologien Schiefergas aus dem Boden und sorgten so zeitweise für ein Überangebot. An den Spotmärkten, an denen sich Großverbraucher kurzfristig eindecken, ging es mit den Gaspreisen abwärts.

In Lieferverträgen zwischen Händlern und Abnehmern spielt die Bindung an den Ölpreis eine immer geringere Rolle, die früher für Verlässlichkeit sorgte. Auch der Bau von Gaskraftwerken, auf die Unternehmen wie Wingas im Zuge der Energiewende als Abnehmer hofften, kommt nicht vom Fleck.

Deutschlands größter Versorger Eon etwa will zwei unrentabel gewordene Anlagen abschalten. Für den Gazprom-Konzern ist das Rendite-Mauerblümchen Wingas, das ihm zur Hälfte gehört, jedoch attraktiv. Denn der größte Gasproduzent der Welt versucht seit langem, direkt an die westeuropäischen Abnehmer heranzukommen. Mit der Komplettübernahme der Wingas-Gruppe und des Speichergeschäfts, zu dem Beteiligungen in Jemgum, Rehden (Deutschland) und Haidach (Österreich) gehören, sind die Russen am Ziel.

Aktualisiert um 19.30 Uhr

Ihr Gas strömt über die Ostsee-Leitung Nord Stream Gas nach Greifswald, und im Dezember soll der Bau der South-Stream-Leitung durch das Schwarze Meer nach Südeuropa beginnen. Das Pipeline-Netz der Wintershall-Gruppe bleibt von dem Geschäft mit Gazprom hingegen unberührt.

Die Kasseler sichern sich durch den Megatausch, bei dem kein Geld fließt, Vorkommen in der sibirischen Achimov-Lagerstätte. Dort, in der Nähe des Polarkreises schlummern nach Daten der russischen Bergbehörde etwa 274 Milliarden Kubikmeter Gas – rein rechnerisch genug, um ganz Deutschland fast vier Jahre komplett zu versorgen.

Mindestens acht Milliarden Kubikmeter im Jahr sollen aus dem eisigen Boden geholt werden, wenn die Produktion auf vollen Touren läuft. Ihr Start ist für 2016 geplant. In diesem Jahr wird Wintershall weltweit voraussichtlich 140 Millionen Barrel Öläquivalent fördern. Die Maßeinheit beschreibt eine Menge, die dem Brennwert von 140 Millionen 159-Liter-Fässern Öl entspricht. Die Förderung soll bis 2015 auf 160 Millionen Barrel steigen.

Von Barbara Will

Hintergrund: Winthershall in Zahlen

Im vergangenen Jahr setzte Wintershall mit rund 2300 Mitarbeitern 12,05 Milliarden Euro um. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) blieb ein Gewinn von 2,1 Milliarden Euro. 1,6 Milliarden Euro davon stammen aus der Öl- und Gasförderung. Das Gashandels- und Speichergeschäft brachte es auf ein Ebit von 425 Millionen Euro. Unterm Strich verdiente Wintershall 1,06 Milliarden Euro. In den ersten neun Monaten 2012 schnellte der Gewinn nach Steuern um 21 Prozent auf 951 Millionen Euro. Wenn das Tauschgeschäft wirksam wird, trennt sich Wintershall ab April 2013 von 8,6 Milliarden Euro Umsatz und einem Ebit von 350 Millionen Euro.

Rubriklistenbild: © picture alliance

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