Wie umgehen mit ADHS? - zwei Positionen

Kassel. Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten die Diagnose ADHS, heißt es in einem Barmer-Report. Viele Kinder würden mit Medikamenten ruhiggestellt, kritisiert ein Hannoveraner Forschungsinstitut. Ein Thema, das auch bei Kasseler Ärzten kontrovers diskutiert wird.

Wir stellen zwei Positionen zu ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) vor.

Das sagt Kinderarzt Matthias Demuth

"ADHS früher übersehen"

Matthias Demuth

Dass die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle zugenommen hat, wundert den Kasseler Kinderarzt Dr. Matthias Demuth nicht. Denn heute wüssten mehr Ärzte, aber auch Lehrer und Erzieherinnen etwas über dieses Krankheitsbild. „Im Rahmen meines Medizinstudiums haben wir nie etwas über dieses Symptombild gehört“, sagt Demuth, der sich inzwischen intensiv mit der ADHS-Diagnostik beschäftigt.

Noch vor zehn bis 15 Jahren sei es nicht ungewöhnlich gewesen, dass intelligente Kinder mit ADHS auf einer Sonderschule landeten, weil die Diagnose nicht gestellt wurde. Kinder mit ADS ohne Hyperaktivität, auch Träumer genannt, würden heute noch oft übersehen.

Hintergrund: Das Zappelphilipp-Syndrom

ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Aufmerksamkeitsschwäche, überschießende Impulsivität und extreme Unruhe (Hyperaktivität) sind Kennzeichen der Störung, die der Nervenarzt Heinrich Hoffmann 1848 als „Zappelphilipp-Syndrom“ im Struwwelpeter beschrieb. Die Ursachen werden weiterhin erforscht. Die Entwicklung einer ADHS erklären viele Wissenschaftler durch ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Dazu gehören verschiedene neurobiologische Störungen wie eine beeinträchtigte Signalübermittlung im Gehirn, aber auch ungünstige Bedingungen in Kindheit, Familie oder Schule.

Ärzte hätten keinerlei persönlichen Vorteil daraus, wenn sie sich mit der Diagnostik von ADHS beschäftigen, betont der Kinderarzt. Denn für diese zeitaufwendigen Untersuchungen erhielten sie von den Krankenkassen dasselbe Pauschal-Honorar wie für andere Behandlungen. Dies sei einer der Gründe, warum überhaupt nur wenige Ärzte sich auf ADHS-Diagnostik spezialisieren.

Gerade die leichteren Verlaufsformen, die aber dennoch eventuell einer Behandlung bedürfen, würden aber eher von spezialisierten Ärzten erkannt. Das erkläre, warum in bestimmten Regionen vermehrt ADHS-Diagnosen gestellt werden.

Man gehe davon aus, dass ausgeprägte ADHS-Fälle ungefähr bei vier bis acht Prozent aller Kinder zu verzeichnen sind. Nehme man leichtere Verlaufsformen hinzu, sei es gut möglich, dass man auf eine Häufigkeit von 15 Prozent aller Kinder kommt.

Jedoch brauche nicht jeder ADHS-Patient Medikamente. In den meisten Fällen verordne er stattdessen Konzentrationstraining oder Verhaltenstherapie, sagt Demuth. Auch würden Eltern und Lehrer instruiert und geschult.

„Sollte allerdings ein Kind massiv unter seiner ADHS leiden oder in die Gefahr geraten, deshalb die Schule verlassen zu müssen, dann ist eine medikamentöse Therapie eine große Hilfe“, sagt Demuth. Mit Ruhigstellen habe das nichts zu tun. Es gehe vielmehr darum, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

Das sagt Psychiater Thomas Ziegler

"Kinder besser verstehen"

Thomas Ziegler

ADHS trifft nach Einschätzung des Kasseler Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Thomas Ziegler lediglich bei etwa einem Zehntel der aktuell gestellten Diagnosen zu. Dennoch werde diese Diagnose heute sehr häufig gestellt. Zudem sei die Zahl der medikamentösen Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin oder Medikinet) enorm angestiegen. Die Langzeitwirkung der Medikamente wie Veränderungen in den Denkfunktionen sei jedoch wenig erforscht. Auch stelle sich die Frage, was es langfristig für ein Kind bedeutet, wenn es lernt: „Mit einem Medikament bin ich in Ordnung und werde anerkannt, sonst bin ich falsch und störe alle.“

ADHS ist nach Meinung des Psychoanalytikers eine vor allem kindliche Auffälligkeit der inneren Gefühlswelt und des äußeren Verhaltens, die viele Kinder entwickeln könnten. Ursachen könnten belastende Lebensereignisse, Bindungsstörungen oder eine mangelnde Stabilität in der Familie sein. Kinder hätten deshalb beispielsweise Schwierigkeiten, die eigenen Gefühlszustände seelisch zu verarbeiten. ADHS docke an vielen der gesellschaftlichen Entwicklungen wie wachsenden Leistungserwartungen an und werde auch durch Medienkonsum verstärkt. Aber: „Temperamentvarianten sollten nicht als Krankheit beurteilt werden“, betont der Facharzt.

Für manche Kinder, die in Lebenssituationen sind, die wenig Veränderungen zulassen, könne eine Medikation sinnvoll sein, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Ziel sei es dann, Kinder und Eltern zu stabilisieren und eine weiterführende Therapie zu begünstigen. Auch ein Einbruch in die Schulkarriere könne mit der Medikation verhindert werden.

Es gelte, bei jedem Kind die individuellen Ursachen zu verstehen und mit den Familien einen Verständnis- und Veränderungsprozess zu entwickeln. Häufig bedeute dies eine langfristig angelegte Psychotherapie.

Von Martina Heise-Thonicke

Rubriklistenbild: © dpa

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