Interview mit Architektur-Professor

Umstrittene Stadtvillen: Quadratisch, praktisch, gut?

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Sprießen wie Pilze aus dem Boden: Nicht nur wie hier an der Baunsbergstraße sind in den vergangenen Jahren Stadtvillen entstanden. 

Kassel. In Kassel boomt der Bau von Wohnhäusern. Allein im Jahr 2013 sind 172 Häuser mit 400 Wohnungen entstanden. 2014 rechnet die Stadt mit etwa der gleichen Menge.

Ein Großteil der Neubauten sind sogenannte Stadtvillen. Doch nicht überall kommt diese sich schnell verbreitende Bauform gut an. Vielen Anwohnern sind die Gebäude ein Dorn im Auge. Wir sprachen über Sinn und Schönheit von Stadtvillen mit dem Architektur-Professor Dr. Philipp Oswalt von der Universität Kassel.

Der Bau von Stadtvillen ist in Kassel immer häufiger umstritten. Was kennzeichnet überhaupt eine Stadtvilla? 

Prof. Philipp Oswalt: Das Konzept der Stadtvilla entstand in den 70er-Jahren. Der Typus bezeichnet eine Abwandlung des herrschaftlichen Wohnhauses zu einem Mehrfamilienhaus. Im Prinzip sind es villenartige, frei stehende Baukörper mit bis zu 15 Parteien, die sich einen Garten teilen.

Meist handelt es sich um Eigentumswohnungen im teuren Segment. 

Oswalt: Früher gab es solche auch im sozialen Wohnungsbau, aber der ist ja ohnehin abgeschafft. Wegen der höheren anteiligen Grundstückskosten sind Stadtvillen eine teurere Wohnform, die am freien Markt eher als Eigentumswohnung angeboten wird.

Warum ist die Stadtvilla so erfolgreich? 

Oswalt: Heute zieht es wieder mehr Menschen in die Städte. Auch Familien mit Kindern ziehen nicht mehr automatisch ins Umland, wenn sie sich eine Stadtwohnung leisten können. Und eine Stadtvilla bietet höhere Wohnqualitäten als der klassische Geschosswohnungsbau. Davon fühlen sich diejenigen angesprochen, die früher eher ein Eigenheim bezogen hätten.

Was halten Sie persönlich von Stadtvillen? 

Oswalt: Ein Pauschalurteil fällt mir schwer. Es ist einer von vielen sinnvollen Bautypen. In der Nachkriegsära dominierte einerseits der Geschosswohnungsbau, anderseits gab es einen Boom bei den Einfamilienhäusern. Heute ist die Gesellschaft viel heterogener und es gibt sehr unterschiedliche Wohnwünsche. So gibt es immer mehr Singlehaushalte und Menschen, die altersgerechte Wohnungen benötigen. Da Bedarf es eines vielfältigen Wohnungsangebots. Dazu gehören auch Stadtvillen neben vielem anderen.

Also alles in allem eine gute Entwicklung? 

Oswalt: Natürlich werden Stadtvillen den Mangel an preiswertem Wohnraum nicht beheben. Aber Sie können auch keinen Investoren zwingen, sein Geld nur für bestimmte Bauprojekte auszugeben. Was nicht heißt, dass Kommunen nicht steuern könnten. Eine Stadt wie Kassel kann Bauprojekte erleichtern oder erschweren. So kann sie beim Verkauf ihrer eigenen Grundstücke bestimmte Wohnmodelle bevorzugen. Auch kann sie durch Förderungen und Planungsrecht Anreize schaffen beziehungsweise Beschränkungen machen, die den Wohnungsbau beeinflussen.

Wie beurteilen Sie den architektonischen Wert dieser oft ähnlich aussehenden Flachdachhäuser? 

Oswalt: Es hängt von dem jeweiligen Projekt und dessen Umfeld ab. Den Streit, ob das Flach- oder das Satteldach schöner ist, gab es schon in den 20er-Jahren, als das Flachdach aufkam und von konservativen Vertretern kritisiert wurde. Wir sollten unterschiedliche Gestaltungen zulassen, insofern sie sich in den städtebaulichen Kontext einfügen. Natürlich spielt auch die wirtschaftliche Dimension eine Rolle. Den uneigennützigen Bauherrn, der alles macht, was gut für das Umfeld ist und dabei nicht auf das Geld schaut, werden Sie aber selten finden. Daher hat die Kommune ja auch die Möglichkeit, regulierend einzugreifen.

Besteht nicht die Gefahr, dass man sich in 20 Jahren fragt, warum man so viele Stadtvillen zulassen konnte? 

Oswalt: Entscheidungen in Architektur und Städtebau werden für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gefällt. Deshalb sollte man nicht nur kurzfristige Ziele verfolgen. Die Kasseler Planungen einer autogerechten Stadt sieht man heute auch mit anderen Augen als in der Nachkriegszeit. In der Regel betrachtet man die unmittelbare Vergangenheit besonders kritisch. Dabei gab es auch nach der Gründerzeit Kritik an deren Neubauten. Viele Menschen sehnten sich architektonisch zurück in die vorindustrielle Zeit.

In sechs Schritten zur Stadtvilla

HNA-Leser Friedrich Forssman, der am Mulang lebt und sich seit Jahren mit der Geschichte der Villensiedlung und ihrer Architektur beschäftigt, hat an die HNA-Redaktion einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag zum Thema Stadtvillengestaltung geschickt. Forssman schreibt, er habe mithilfe eines kostenlosen 3 D-Grafikprogramms aus dem Internet in gestoppten drei Minuten eine typische Stadtvilla am Computer entworfen. Er will damit zeigen, dass viele Stadtvillen nach dem Nullachtfünfzehn-Prinzip gestaltet werden. Forssman findet mit Blick auf seinen Entwurf: „Dummerweise ist das Ergebnis nicht hässlich genug; ich muss wohl noch mal ran.“

Anleitung mit Augenzwinkern: In sechs Schritten zur Stadtvilla

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