Unbeirrt für Bürgerrechte

Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ging an ungarischen Aktivisten

Preisverleihung: Ferenc Köszeg (3. von links) nahm im Opernhaus die Auszeichnung entgegen, die mit 10 000 Euro dotiert ist. Von links Staatstheater-Intendant Thomas Bockelmann und Prof. Dr. Hansjörg Melchior (Bürgerpreis-Gesellschaft), rechts der frühere österreichische Außenminister Erhard Busek, der die Festrede über „Europa und die Nationalstaaten“ hielt. Fotos  Zgoll

Kassel. Während die Welt besorgt auf den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine blickt, müssen sich Aktivisten der Zivilgesellschaft in Ungarn neuerdings systematischer Angriffe von staatlicher Seite erwehren: Die rechtsnationale Regierung des autoritären Premiers Viktor Orbán schickt sich unverhohlen an, den EU-Mitgliedsstaat Ungarn nach Putin-Manier zu beherrschen.

Wer sich dort für bürgerliche Rechte stark macht, wird behindert und drangsaliert. Angesichts dieser ernsten Lage wollte am Sonntag keine ungetrübte Freude darüber aufkommen, dass die Stifter des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ mit dem Preisträger Ferenc Köszeg ein starkes politisches Signal genau zur rechten Zeit gesetzt haben.

Umso mehr Respekt gab es für die Jury-Entscheidung: „Ich gratuliere den Kasselern, dass sie die Menschen auf eine akute Gefährdung der Freiheit aufmerksam machen. Und ich danke euch dafür“, sagte Laudator Ádám Fischer unter viel Applaus. Der aus Budapest stammende Dirigent hatte in den Jahren, als der Eiserne Vorhang fiel, als Generalmusikdirektor am Kasseler Staatstheater gewirkt.

„Wir hätten nie geglaubt, dass in Ungarn jemals wieder Bürgerrechtler als Statsfeinde diffamiert werden“, sagte Fischer. Seinen Freund Köszeg schilderte er als Menschen mit unverrückbaren Idealen und Prinzipien, dem rechtsstaatliche Standards stets wichtiger seien als persönliche Befindlichkeiten, Als Gründer des ungarischen Helsinki-Komitees für Menschenrechte habe Köszeg selbst die Rechte von Personen verteidigt, die auf der Seite der Gefängniswärter gestanden hatten, als Köszeg als Vorkämpfer der demokratischen Opposition in Ungarn seinen Teil zum Fall des Eisernen Vorhangs beitrug. „Es ist eben oft unbequem, wenn man seinen Überzeugungen treu bleiben will“, sagte der Laudator.

Ferenc Köszeg stellte in seinen Dankesworten als erstes auch die Kasseler Auszeichnung in den Dienst der freiheitlichen, demokratischen Sache: Der Preis gebühre in erster Linie dem Helsinki-Komitee, an dessen Entstehungsgeschichte der Preisträger erinnerte.

Ádám Fischer

Mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte 1975 in Helsinki habe die Sowjetunion in erster Linie ihren Machtbereich absichern wollen und dafür „ein paar Randnotizen über Menschenrechte“ zugestanden, sagte Köszeg: „Die daraus erwachsene soziale Bewegung hat schließlich Geschichte gemacht“ - mit der Überwindung der Ostblock-Grenzen. Die Lehre aus dieser Geschichte formulierte Köszeg so: „Jedes Regime braucht eine Rechtfertigung - geht die verloren, fällt es zusammen wie ein schäbiges Zelt.“

Womit er den Bogen zu den heutigen Verhältnissen in Ungarn schlug. Er schäme sich, dass sein Heimatland heute in einem Atemzug mit Schurkenstaaten genannt werde, sagte Köszeg. Dass sich auf Druck von Europa oder den USA etwas ändere, glaube er nicht: Orbáns Regime sei „von den Ungarn gewählt worden, und er sollte von ihnen auch wieder abgewählt werden.“

Von Bertolt Brecht entlehnte sich Köszeg dafür das Motto vom weichen Wasser, das den mächtigen Stein besiegt. Das hat vor etwa 25 Jahren schon einmal funktioniert. „Die eigentlich Tapferen dabei sind Menschen wie Ferenc Köszeg gewesen“, sagte Österreichs Ex-Außenminister Erhard Busek während seiner Festrede.

Bilder der Verleihung

Bürgerpreis „Glas der Vernunft“

Hintergrund: Preis und Preisträger

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wird seit 1991 jährlich an Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten verliehen, die sich um Vernunft und Toleranz verdient gemacht haben. Verliehen wird der Preis, der aus 10.000 Euro sowie einem vom Kasseler Künstler Karl Oskar Blase gestalteten Glasprisma besteht, von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises. Erster Preisträger war 1991 der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher.

Die Geehrten seit der Jahrtausendwende 

2000: Christo und Jeanne-Claude (Künstlerehepaar)

2001: Beate Langmaack, Heike Richter-Karst, Kai Wessel (Fernsehfilm-Macher)

2002: Hilmar Hoffmann (Kulturschaffender)

2003: Hans-Georg Raschbichler, Dieter Spethmann (Väter des Transrapid)

2004: Klaus von Dohnanyi (Politiker)

2005: Harald Szeemann (Kurator / documenta-Leiter)

2006: Ayaan Hirsi Ali (niederländische Frauenrechtlerin)

2007: Komitees der Soldatenmütter Russlands

2008: Wladyslaw Bartoszewski (Historiker und Politiker, Polen)

2009: Joachim Gauck (heute Bundespräsident)

2010: Ai Weiwei (chinesischer Künstler)

2011: Royston Maldoom (britischer Choreograf)

2012: Vandana Shiva (indische Wissenschaftlerin u. Aktivistin)

2013: Jürgen Habermas (Philosoph)

Von Axel Schwarz

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