Vielzahl von Strafanzeigen

Unbekannte zerstörten auf Wahlplakaten in Kassel Gesicht von Ilyas Yassin: „Das ist Rassismus“

Er will sich durch Hass und Rassismus nicht einschüchtern lassen: Der 19-jährige Ilyas Yassin, der in der Brückenhofsiedlung lebt und sich seit einem Jahr in der SPD engagiert.
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Er will sich durch Hass und Rassismus nicht einschüchtern lassen: Der 19-jährige Ilyas Yassin, der in der Brückenhofsiedlung lebt und sich seit einem Jahr in der SPD engagiert.

Während des Kommunalwahlkampfs sind Plakate von allen Parteien in Kassel beschädigt beziehungsweise gestohlen worden. Darunter mehrere eines schwarzen SPD-Kandidaten.

Kassel – Nach Angaben von Frank Siebert, Sprecher der Polizei, seien von allen Parteien eine „Vielzahl von Strafanzeigen“ erstattet worden. Darunter befinden sich auch drei Fälle aus Oberzwehren, die die SPD angezeigt hat. Unbekannte haben auf Wahlplakaten, die mehrere Personen zeigen, gezielt das Gesicht des Schwarzen Ilyas Yassin (19) zerstört. 

„Das war ein schreckliches Gefühl“, sagt Ilyas Yassin. Der 19-jährige Schüler, der demnächst sein Abitur an der Waldorfschule in Kassel macht, spricht darüber, dass sein Gesicht auf Wahlplakaten der SPD in Oberzwehren mehrfach zerstört worden ist. Gezielt. Die anderen Sozialdemokraten, die auf den Plakaten zu sehen waren, wurden nicht übermalt oder zerstochen.

Als Ilyas Yassin, der in der Brückenhofsiedlung in Oberzwehren lebt, das erste beschädigte Plakat an der Haltestelle Oberzwehren-Mitte im Kommunalwahlkampf entdeckte, da dachte er sich, es sei wohl nur Zufall, dass nur sein Gesicht mit einem spitzen Gegenstand zerstochen worden war. Doch dann stieß er auf ein zweites Plakat, auf dem nur sein Gesicht abgerissen worden war. Und schließlich noch auf ein drittes am Rewe-Markt am Mattenberg, wo nur sein Gesicht durchstochen war. Das war der Augenblick, in dem er wusste, dass ein rassistisches Motiv dahinter stecken muss, so der 19-Jährige. Er selbst wurde in Kassel geboren, seine Eltern stammen aus Somalia.

Vandalismus und Zerstörung von Wahlplakaten seien mittlerweile eine traurige Normalität im Wahlkampf geworden, sagt die Kasseler Juso-Vorsitzende Johanna Kindler. „Daran haben wir uns schon gewöhnt. Woran wir uns nicht gewöhnen werden und wollen, ist die versuchte Einschüchterung und Zerstörung von Plakaten unserer Mitglieder, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder ihrer Herkunft angefeindet werden. Das ist Rassismus.“

Er werde sich von diesem Rassismus nicht einschüchtern lassen, sondern entschieden dagegen vorgehen, sagt Ilyas Yassin. Nach den Beschädigungen der Plakate habe er mit seinen Eltern gesprochen, die ihm zugeraten hätten, Anzeige zu erstatten. Das Kommissariat für Staatsschutz ermittelt.

Zerstörtes Plakat in Oberzwehren: Das Gesicht von Kandidat Ilyas Yassin wurde durchstochen.

Als jetzt innerhalb der SPD darüber diskutiert wurde, ob sein Name bei der Veröffentlichung der rassistischen Übergriffe genannt werden soll oder nicht, da hätten ihm seine Eltern auch dazu geraten. „Wenn ich meinen Namen nicht genannt hätte, dann hätte ich Angst gezeigt“, sagt der 19-Jährige, der sich weiterhin gegen Extremismus und für eine weltoffene Stadt Kassel einsetzen möchte. „Ich will zeigen, dass Veränderungen möglich sind.“ Der Schüler zitiert Nelson Mandela: „Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben. Denn Liebe ist ein viel natürlicheres Empfinden im Herzen eines Menschen als ihr Gegenteil.“

In der Brückenhofsiedlung, wo viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, sei Rassismus im Alltag kein Thema, sagt der 19-Jährige. An anderen Orten in Kassel schon. Er erzählt von einem Vorfall vor einem Jahr. Da habe er sich neben eine ältere Frau auf einem Vierersitz in einer Straßenbahn gesetzt. Die Frau habe mit ihren Handbewegungen deutlich gemacht, dass er sich wegsetzen soll. Er habe das ignoriert. Auch als die Frau zu ihm sagte, dass sie nicht neben einem Neger sitzen möchte. Als sie dann aus der Bahn ausgestiegen ist, habe sie noch „Mohrenkopf“ zu ihm gesagt. „Ich reagiere nicht auf solche ekligen Sachen“, sagt der 19-Jährige.

In den Ortsbeirat Oberzwehren ist er bei der Kommunalwahl im vergangenen März nicht gewählt worden. Er will sich trotzdem weiterhin in der Politik engagieren. Seine Herzensthemen sind neben einer vielfältigen Stadtgesellschaft sozialgerechter Klima- und Umweltschutz.

Nach dem Abitur will Ilyas Yassin entweder direkt Politik und Wirtschaft studieren oder für ein Jahr seine Verwandten in Somalia besuchen. Die Entscheidung hängt an der Corona-Lage. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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