Abschiebung droht täglich: Ungewissheit bestimmt seinen Alltag

Aussetzung der Abschiebung: Die Duldungserlaubnis wird Ahmed Sistan nur für eine begrenzte Zeit ausgestellt. Foto: Meyer

Kassel. Der 20. Juni ist der internationale Gedenktag für Flüchtlinge. Er wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet und soll auf die Situation und die Not von Flüchtlingen aufmerksam machen. Ahmet Sistan lebt in Kassel, er ist aus seiner Heimat Iran geflohen.

Jedes Mal, wenn er seinen Ausweis zeigen muss, hat er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Denn in der Mitte des Dokuments steht unübersehbar: „Der Inhaber ist ausreisepflichtig!“ Das heißt konkret: Die Abschiebung droht.

„Nicht sofort, aber nach Ablauf der Duldungsfrist“, erklärt Ahmed Sistan (Name geändert). Der Iraner ist Anfang 30 und einer von 140 geduldeten Flüchtlingen, die derzeit in Kassel leben. Aus seiner Heimat ist er aus politischen Gründen geflohen. Ohne Papiere, in der Nacht und Hals über Kopf. Angetrieben von der Angst vor Verfolgung und Folter.

Asylantrag abgelehnt

Aber sein Asylantrag wurde abgelehnt, die Motive seien für die Behörden nicht ausreichend gewesen, sagt Sistan. Geduldete Ausländer sind oft abgelehnte Asylbewerber, denen die Ausreise aufgrund der Zustände in ihrem Heimatland noch nicht zugemutet werden kann oder denen die zur Abschiebung nötigen Papiere fehlen. Denn wer keinen Pass hat, kann erst mal nicht abgeschoben werden, erläutert der Flüchtling.

Duldung bedeutet Ungewissheit: Nicht nur für den Flüchtling. Auch für Arbeitgeber, Vermieter und Freunde. „Wie lange ich noch hier bleiben kann, ich weiß es nicht“, sagt Sistan mit gesenktem Kopf. Vor acht Jahren ist er nach Deutschland gekommen.

Ob er irgendwann in den Iran zurück will? „Meine Tochter ist in Deutschland geboren. Sie wächst hier auf“, sagt Sistan. Seine Freundin stammt auch aus dem Iran. Aber aufgrund einer früheren Ehe hat sie ein Aufenthaltsrecht. Doch die gemeinsame Tochter ist staatenlos. Denn uneheliche Kinder bekommen in Deutschland keinen Pass. Dadurch kann aber auch sie nicht abgeschoben werden. „Sie wird auch gar nicht in den Iran wollen“, vermutet Sistan. „Was soll sie in einem fremden Land, in dem sie noch nie zuvor war?“ Darüber, dass er irgendwann zurück in seine Heimat muss, will er nicht nachdenken.

Im Moment lebt die kleine Familie in einer Wohnung in Kassel. „Ich bin stolz, dass wir das trotz aller Probleme geschafft haben“, sagt er strahlend. Denn bis zur Wohnungssuche gab es für den Iraner eine Menge anderer Hindernisse zu überwinden. Ein Flüchtling erhält im Regelfall erst nach einem Jahr eine Arbeitsgenehmigung. Zudem sind Deutschkenntnisse ein Muss für die meisten Arbeitgeber. Aber eine finanzielle Bezuschussung vom Staat für einen Sprachkurs gibt es nicht. „Die Unterstützungen der Behörde reichen gerade mal für eine Packung Toast und den billigsten Aufschnitt“, meint Sistan.

Um sich einen Sprachkurs zu finanzieren, habe er auf einer Baustelle gearbeitet. Ein Leben als Flüchtling bedeute auch, ein Leben am Rande der Legalität.

Von Kathrin Meyer

Stichworte: Asyl und Duldung

Der Staat prüft, ob Asylgründe laut Grundgesetz gegeben sind, ob es sich um Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention handelt und ob Abschiebehindernisse, wie drohende Folter oder Todesstrafe, vorliegen. Wenn dies der Fall ist, spricht man von Asylberechtigten oder anerkannten Flüchtlingen. Duldung heißt, dass die Abschiebung befristet ausgesetzt wird. Bei einer geduldeten Person entfällt die Strafbarkeit wegen illegalen Aufenthaltes. Mehr als ein Drittel hat den Aufenthaltsstatus der Duldung bereits seit mindestens zehn Jahren. Bei mehrmaliger Verlängerung um jeweils mehrere Monate spricht man von einer Kettenduldung. (kme)

Sprachkenntnisse müssen sein

Das Projekt „Bleib in Hessen“ unterstützt Flüchtlinge bei der Arbeitssuche

Bei der Arbeitssuche unterstützte Sistan das Netzwerk „Bleib in Hessen“: „In Kassel werden von uns derzeit rund 100 Personen betreut“, schätzt Rolf Steinebach, Leiter der Kasseler Außenstelle. Das Projekt fördert Bleibeberechtigte und Flüchtlinge, die mindestens ein Jahr in Deutschland sind. Flüchtlinge, die jahrelang vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, benötigen eine intensivere Förderung. Denn die Ausübung einer Tätigkeit verbessert den Aufenthaltsstatus der Person. Sodass aus dem Duldungsstatus möglicherweise irgendwann ein dauerhaftes Bleiberecht wird. Die Koordination des Netzwerkes liegt beim Mittelhessischen Bildungsverband in Marburg.

Die Flüchtlinge werden bei der Suche nach Arbeitsplätzen, Behördengängen, beim Schreiben von Bewerbungen und bei der Auswahl von Qualifizierungen unterstützt. „Die Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen ist ein Problem“, sagt Steinebach. Die Behörden müssten als Erstes den Aufenthaltsstatus klären, und das sei oftmals kompliziert, wenn jemand Hals über Kopf seine Heimat verlassen habe. „Ich kann nicht sagen, wie lange ich noch hier bin“, sagt Sistan. „Das ist eine große Unsicherheit für Arbeitgeber.“

Doch nach langer Suche ist er fündig geworden. Vor einem halben Jahr hat er eine Ausbildung im Pflegebereich begonnen. Jetzt hofft er, dass er zumindest noch für die Zeit der Ausbildung in Deutschland bleiben kann. Denn eine abgeschlossene Ausbildung würde eine positive Integrationsprognose bedeuten und damit auch die Chance auf einen sicheren Aufenthaltsstatus verbessern. (kme) Kontakt: „Bleib in Hessen“ Außenstelle Kassel, Leiter Rolf Steinebach unter 0561/8616470 oder per E-Mail steinebach@arbeit-und-bildung.de

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