Mit Zeichnungen aus dem Orient

Uni-Bibliothek verwahrt einzigartiges Zeitzeugnis aus dem 16. Jahrhundert

Sträflinge: An der Grenze des Osmanischen Reichs gefangene Christen mit Bewachung.

Kassel. In der Handschriftenabteilung der Murhardschen Bibliothek schlummern Schätze, von denen die Öffentlichkeit kaum etwas weiß. Wir stellen hier einen vor.

Ein Grenzsoldat des Osmanischen Reichs im pelzgesäumten blauen Mantel und mit Federschmuck auf dem Kopf. Ein kahl rasierter Mann, der sich an Brust und Armen Messer durch die Haut geschoben hat. Eine Hinrichtung am Galgen, bei der den Verurteilten die Zungen herausgeschnitten werden. Über 400 Jahre alt sind die fein gezeichneten, farbenfrohen Bilder. Sie zeigen Impressionen eines Orientreisenden im ausgehenden 16. Jahrhundert.

Das sogenannte „Türkische Manierenbuch“, das in der Murhardschen und Landesbibliothek verwahrt wird, ist eine Augenweide – und sucht weltweit seinesgleichen. Nur in London und in Katar gibt es ähnliche, allerdings künstlerisch weniger ausgearbeitete Exemplare, sagt Brigitte Pfeil, Leiterin der Handschriftenabteilung in der Murhardschen Bibliothek. Mit Benimmregeln hat das Buch nichts zu tun: Unter Manieren sind Lebensart und Gebräuche der Völker zu verstehen, denen der Reisende seinerzeit begegnete.

Fremde Rituale: Dieses Bild zeigt eine „Marterung zur Beschneidung des Sultanssohns.“

Wer es war, der damals in den Orient aufbrach, unterwegs mehr als 150 Zeichnungen sammelte und als Buch binden ließ, ist nicht bekannt. Nur dass er aus dem deutschsprachigen Raum kam – darauf lassen die in Kurrentschrift verfassten kurzen Bildunterschriften schließen. Die Auswahl der gezeigten Szenen deute darauf hin, dass der Reisende in diplomatischer oder militärischer Mission gen Osten unterwegs war, sagt Pfeil. Denn auf den Bildern werden neben Menschen in landestypischen Trachten vor allem Leibgarden, Soldaten und Szenen aus Palästen sowie aus der Justiz gezeigt - immer mit detailreich gezeichneten Gewändern, Uniformen und Waffen.

„Das Buch war vermutlich als eine Art Reiseführer für die Daheimgebliebenen gedacht“, sagt die Handschriften-Expertin. Fotoapparate gab es damals schließlich noch nicht. Also versuchte man, sich anhand der detailreichen Bilder einen Eindruck über die fremden Länder und Sitten zu verschaffen. Insofern sei der Band eine Art „frühes ethnografisches Bilderbuch“, sagt Brigitte Pfeil. Er erlaube einzigartige Einblicke in die damalige Zeit.

„Es ist eben nicht das in Auftrag gegebene Großbild, auf dem sich Herrscher und Adlige möglichst vorteilhaft präsentierten.“ Stattdessen greifen die Zeichnungen Szenen aus dem Alltag zu Hofe, aber auch aus dem Volk auf. Der Blick ist dabei stets auf die Menschen gerichtet – nach Landschaftsbildern sucht man vergeblich im Manierenbuch. Da ist der jüdische Doktor aus Konstantinopel mit rotem Fez auf dem Kopf. Der Bauer in Ägypten, der auf einem Ochsengespann Korn drischt. Der syrische Christ mit Turban auf dem Kopf.

Wer die Bilder anfertigte und von wie vielen verschiedenen Malern sie stammen, ist unbekannt. Fest steht, dass die Zeichner nicht nur künstlerisch hochwertig arbeiteten, sondern auch wertvolles Material verwendeten: Farben mit Goldpigmenten und Perlmuttpartikeln, die den Bildern bis heute Glanz verleihen. Das Buch ist digitalisiert und kann im Online-Katalog der Unibibliothek durchgeblättert werden unter orka.bibliothek.uni-kassel.de (Suchbegriff: Manierenbuch).

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