Äußerungen zu Missbrauchsfällen an Odenwaldschule

Uni Kassel entzieht Ehrendoktor Hartmut von Hentig den Titel

Prof. Dr. Hartmut von Hentig
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Hartmut von Hentig

Die Universität Kassel will sich erstmals von einem ihrer Ehrendoktoren, Hartmut von Hentig, wieder trennen. Grund sind Äußerungen zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule.

Kassel – Das hat es in der Geschichte der Universität Kassel noch nicht gegeben: Die Hochschule will dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Hartmut von Hentig seine Ehrendoktorwürde entziehen. Einen entsprechenden Beschluss des Fachbereichsrats der Humanwissenschaften hat der Senat der Hochschule in seiner jüngsten Sitzung bestätigt. Noch ist das Aberkennungsverfahren aber nicht abgeschlossen.

Von Hentig hatte die Auszeichnung im Jahr 2004 vom damaligen Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften erhalten – gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Fachkollegen Prof. Dr. Wolfgang Klafki. Damals hieß es seitens der Hochschule, sie seien „die beiden Wissenschaftler, die mit ihren Arbeiten die Entwicklung der Erziehungswissenschaft in Kassel am nachhaltigsten beeinflusst haben“. Von Hentig habe „entscheidend zur Neukonstitution einer zeitgemäßen, zukunftsträchtigen Schule beigetragen“.

Dass die Uni den heute 95-Jährigen nun wieder aus der Riege ihrer Ehrendoktoren streichen will, hat mit den Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule zu tun. Von Hentig war enger Freund und vielen Medienberichten zufolge auch Lebenspartner des damaligen Internatsleiters Gerold Becker – einem der Hauptbeschuldigten der 2010 ans Licht gekommenen massenhaften Missbrauchsfälle. Auch von Hentig geriet nach Bekanntwerden der Vorwürfe in die öffentliche Kritik für seine Äußerungen zu den Missbrauchsvorgängen und zur Rolle seines Gefährten, der 2010 starb, ohne strafrechtlich belangt worden zu sein. Von Hentig betonte immer, nichts von den Übergriffen gewusst zu haben.

Im Zuge der Debatte sind dem renommierten Pädagogen bereits zwei Preise aberkannt worden, darunter 2017 der Ernst-Christian-Trapp-Preises der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Auch unter den Kasseler Erziehungswissenschaftlern wird seit Jahren über den in die Kritik geratenen Ehrendoktor diskutiert. 2012 hatte das Institut für Erziehungswissenschaften noch keine Bedingungen für einen Entzug der Ehrenpromotion gesehen.

Nun heißt es in einer auf der Webseite der Hochschule veröffentlichen Stellungnahme: „Der Fachbereich ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Auseinandersetzung von Prof. Dr. Hartmut von Hentig in seinem im 2016 veröffentlichten Werk ,Noch immer mein Leben: Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015’ mit den Vorgängen um die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule ein erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten darstellt.“ Auf Nachfrage nennt die Hochschule keine weiteren Details zur Begründung und verweist auf das laufende Verfahren. Gegen die Entziehung könnten noch Rechtsmittel eingelegt werden, so eine Sprecherin.

Auf Anfrage der HNA, ob und wie er auf die Aberkennung reagieren werde, teilte Hartmut von Hentig in einem Brief mit: „Auf den Ehrendoktortitel einer Einrichtung, die mich nicht achtet, kann ich verzichten, nicht aber auf eine öffentliche Widerlegung der mir zur Last gelegten Verfehlungen.“ Auf welchem Weg er diese vornehme, werde er mit seinem Rechtsanwalt entscheiden. Auf die Frage, wie er zu den inhaltlichen Vorwürfen stehe und ob er die Entscheidung der Hochschule für angemessen halte, schrieb von Hentig lediglich: „Nein“.

Prof. Dr. Theresia Höynck, Dekanin des Fachbereichs Humanwissenschaften, betonte gegenüber der HNA, dass es bei dem Aberkennungsverfahren um die Frage eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens gehe. Häufig werde eine Ehrenpromotion aber als Auszeichnung einer Person missverstanden, statt als Würdigung ihrer wissenschaftlichen Leistung. Der Entscheidung des Fachbereichsrats sei ein gründliches Prüfverfahren vorausgegangen, für das unter anderem zwei Gutachten eingeholt wurden. Höynck: „Wir haben das sehr, sehr sorgfältig und sachlich diskutiert.“ (Katja Rudolph)

Insgesamt hat die Uni Kassel nach Angaben ihrer Promotionsgeschäftsstelle 34 Ehrendoktorurkunden bislang vergeben – übrigens ausschließlich an Männer. Die erste 1983 an den Physiker Walter Franz, zuletzt wurde 2014 der Solarpionier und SMA-Gründer Günther Cramer geehrt. Mit der Ehrendoktorwürde, die kein offizieller akademischer Grad ist, werden besondere wissenschaftliche oder akademische Verdienste gewürdigt. Sie kann auch an Nicht-Akademiker verliehen werden. Die Abkürzung für einen Ehrendoktor lautet im Übrigen Dr. h.c. (honoris causa = ehrenhalber). 

Zur Person

Hartmut von Hentig (95) hat sich als Erziehungswissenschaftler und Publizist ab den 1960er-Jahren einen Namen gemacht. Vor seiner akademischen Laufbahn war er zehn Jahre als Lehrer tätig. Ab 1963 hatte er eine Pädagogik-Professur in Göttingen, 1968 wechselte er an die Uni Bielefeld, wo er unter anderem mit der Gründung einer Laborschule Spuren hinterließ. Mit seinen Büchern und Vorträgen prägte er jahrzehntelang die Debatten um Schulbildung in Deutschland mit. Von Hentig war ein enger Freund von Gerold Becker, dem Hauptbeschuldigten der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule. Für Äußerungen zu den Vorfällen geriet auch von Hentig ab 2010 in die Kritik. Er lebt in Berlin.

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