„Kulturelle Praxis. Kunst, Tanz, Musik in pädagogischen Kontexten“:

Uni Kassel bereitet Künstler auf Projekte mit Kindern und Jugendlichen vor

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Künstler stellen oft hohe Ansprüche an sich selbst, kreieren mit Enthusiasmus und einem reichen Erfahrungsschatz ein Werk oder eine Aufführung.

Auch Kinder und Jugendliche, mit denen Künstler immer häufiger an Schulen oder im außerschulischen Bereich Projekte entwickeln, sind meist begeistert, wenn echte Profis mit ihnen zusammenarbeiten und sie dazu bringen, in künstlerischen Projekten über sich hinaus zu wachsen. Manches Mal kollidieren dabei aber auch unterschiedliche Interessen und Ansprüche, dann sind vor allem pädagogische Kompetenzen gefragt. Das Studienprogramm „Kulturelle Praxis. Kunst, Tanz, Musik in pädagogischen Kontexten“ des Instituts für Musik der Universität Kassel und der Kunsthochschule Kassel, vermittelt berufsbegleitend pädagogisches Wissen, um mit Kindern und Jugendlichen erfolgreich künstlerisch zu arbeiten. Es wendet sich an bildende Künstler, Musiker und Tänzer, die Lust haben, mit Laien zusammenzuarbeiten, sich neben ihrer künstlerischen Tätigkeit weiterentwickeln und ein neues berufliches Feld entdecken wollen. Die berufsbegleitende Weiterbildung soll Künstlern pädagogisch, methodisch-didaktische und organisatorische Kompetenzen vermitteln. Über vier Semester kommen die Programmteilnehmer zu je drei Wochenendseminaren im Halbjahr an die Universität Kassel. Diese Präsenzphasen finden stets an einem Freitag und Samstag statt.

 

Informationsveranstaltung

Für alle Interessierten findet am 28.08.2017 um 14.00 Uhr in der Universität Kassel, Institut für Musik, Raum 1012, Mönchebergstraße 1, 34125 Kassel, eine Informationsveranstaltung zu dem Programm statt. Weitere Informationen und die Anmeldung finden Sie unter http://paedagogik-fuer-kuenstler.de

Ein Angebot für Künstler, die ein zweites Standbein suchen

„Wir wenden uns mit dem Angebot zum Beispiel an bildende Künstler, die nach Abschluss ihres Studiums und ersten Jahren am freien Kunstmarkt in der Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen ein zweites Standbein suchen“, sagt Professor Dr. Tanja Wetzel von der Kunsthochschule Kassel als eine der Dozentinnen im Studienprogramm. „Denn freischaffende bildende Künstler, Tänzer und Musiker stehen für Fachlichkeit und Professionalität in ihrem Metier, aber es ist etwas Anderes, vor und mit Schülern zu arbeiten“, berichtet Professor Dr. Verena Freytag. Den Künstlern gelingt es nämlich nicht immer, ihren großen Schatz an Kenntnissen, Ideen und künstlerischen Konzepten zu vermitteln. Schnell entwickelt sich Unmut bei den Künstlern, wenn die eigenen Erwartungen mit denen der Projektteilnehmer nicht übereinstimmen.

Positive Zumutungen können Kinder und Jugendliche motivieren

Professor Dr. Frauke Heß vom Institut für Musik an der Universität Kassel repräsentiert als Dozentin ein weiteres Fach im Studienprogramm. Sie hebt die „positiven Zumutungen“ hervor, die Künstler an Schülerinnen und Schüler stellen, wenn sie von ihnen mehr erwarteten als die Lehrer. Dadurch seien die Ergebnisse häufig besser als in reinen Schulprojekten. „Zugleich droht die Frustration von Musikern, die nicht auf die Schulsituation vorbereitet sind“, schildert Heß die Herausforderung. Die „Erfahrung des Scheiterns“ haben nach ihren Worten die Künstler in gut gemeinten Projekten wie „Jedem Kind ein Instrument“ gemacht, weil die Schüler nicht den hohen spieltechnischen Erwartungen entsprochen haben, die die Musiker an sich selbst stellten, etwa wenn es um die Bogenhaltung beim Spielen eines Streichinstruments gehe: „Viele der Profimusiker waren frustriert. Sie waren nicht gut vorbereitet auf die Aufgabe und wurden deshalb enttäuscht.“

Das Studienprogramm beinhaltet die Module „Mit Gruppen arbeiten“, „Theoretische Grundlagen erarbeiten“ sowie „Projekte planen, durchführen, auswerten“. In den Modulen werden methodisch-didaktische, pädagogische und organisatorische Kompetenzen für die Arbeit der Künstler an Bildungseinrichtungen vermittelt.

Die Künstler müssen lernen, mit der Dynamik der Gruppe zu arbeiten 

Das Beobachten einzelner Personen oder der Gruppe als Ganze sowie die Reflexion des Erlebten sind für die Hochschullehrerinnen ein zentrales Anliegen in der Vermittlung der pädagogischen Kompetenz im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. „Die Gruppen sind heterogen und in der Arbeit entwickelt sich eine Eigendynamik zwischen den am Projekt Beteiligten und ihrer Sicht auf die gemeinsame Sache“, beschreibt Wetzel ein Phänomen, das für jene, die zum ersten Mal mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, vielfach überraschend und neu ist. Insbesondere Künstler seien jedoch professionell in der Wahrnehmung von Gestaltungsprozessen, zu denen Umwege und Störungen wesentlich dazu gehören. Auch in pädagogischer Hinsicht kann man sagen: „Entwicklung braucht Störung“, sagt die Hochschullehrerin: „Und als Dozent oder Dozentin steht man in Beziehung und ist Teil des Prozesses.“ Die Musikpädagogin Heß erinnert daran, dass Kinder und Jugendliche in der Musik zum Beispiel erst einmal lernen müssten, richtig zu hören. Es gelte in allen künstlerischen Projekten, zunächst die Wahrnehmung zu schulen. „Ähnlich sieht es beim Tanz aus“, so Freytag, auch hier müssten die Kinder zunächst ein Gefühl für ihren Körper und ihre Bewegungsmöglichkeiten entwickeln.

Lernen mit dem Medium des Films: Authentisch ohne Teil der Situation zu sein

Um die Teilnehmer des Studienprogramms darauf vorzubereiten, bietet sich nach Überzeugung der Dozentinnen das Medium des Films an. Die filmische Dokumentation von Projektarbeit mit Jugendlichen erlaube es, am authentischen Beispiel zu lernen, ohne sogleich Teil der Situation zu sein. Anhand der Filme gehen die Programmteilnehmer unter Anleitung der Dozenten im Modul „Mit Gruppen arbeiten“ Fragen wie diesen nach: „Welche Dynamik entwickelt sich in der Gruppe? Welche Rolle nehmen welche Gruppenmitglieder ein? Wie lassen sich in Gruppenprozessen individuelle Vorstellungen unterstützen? Welche Arbeitsphasen lassen sich in gestalterischen Prozessen identifizieren? Wann braucht eine Gruppe einen Impuls von außen? Verläuft künstlerische Arbeit in spezifischen Phasen?“ Am Ende sollen die Projektteilnehmer, flexibel mit der jeweiligen Gruppe und speziellen Situation umgehen können. Die Projektteilnehmer kennen dann viele Methoden für die Arbeit in Gruppen, lernen anregende Aufgaben zu stellen, Feedback zu geben und Gruppengespräche zu moderieren.

 

Das Modul „Theoretische Grundlagen erarbeiten“ liefert die Basis, um künstlerische Projekte kontext- und adressatenbezogen zu konzipieren, sie angemessen begleiten und differenziert reflektieren zu können. Die Grundlagen werden vor allem durch Lektüre vermittelt. Es geht um ästhetische Praxen von Kindern und Jugendlichen, schulische versus außerschulische Bildung, Interkulturalität sowie politische und kulturelle Bildung. Die Projektteilnehmer werden nicht nur Theorien und Konzeptionen ästhetischer Bildung kennenlernen, sondern auch die Merkmale psychisch-sozialer Entwicklungsprozesse und Konfliktpotentiale, die sich daraus ergeben. Sie werden ferner sensibilisiert für Phänomene des „kinder- und jugendästhetischen Ausdrucks“.

Die Künstler lernen im praktischen Projekt

Im Modul „Projekte planen, durchführen, auswerten“, vertiefen die Projektteilnehmer ihre Kenntnisse in der praktischen Anwendung. In individueller Zusammenarbeit mit zwei erfahrenen Künstlern konzipieren die Teilnehmer ein künstlerisches Projekt, reflektieren gemeinsam den Projektverlauf und erhalten Unterstützung, wenn es einmal hakt. „Wenn Probleme und Fragen in dem Projekt auftreten, können diese direkt mit den Experten besprochen und in der eigenen Projektarbeit angewendet werden“, sagt Freytag. Denn ein Patentrezept für all dies, versichern die Hochschullehrerinnen, gebe es nicht. Heß rät den Künstlern, die sich in Projekte mit Kindern und Jugendlichen begeben: „Zeig Dein künstlerisches Können, vertrau Deiner Intuition und sei zugleich sensibel für Dein Gegenüber.“ Freytag rät zur Authentizität: „Nimm Deine Begeisterung mit und entflamme damit die Gruppe.“

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite http://paedagogik-fuer-kuenstler.de

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