Prof. Dorit Bosse im Interview über die Schulpolitik im Zeichen des Rotstifts

Für Unis demoralisierend

Prof. Dorit Bosse von der Uni Kassel. Archivfoto: Träger

Kassel. Im hessischen Kultusministerium regiert der Rotstift. Für Einsparungen sind die Zusammenlegung von Staatlichen Schulämtern sowie die Reduzierung von Referendariatsstellen und der Anzahl von Lehrerausbildern im Gespräch. Dies ist noch nicht vom Ministerium bestätigt worden. Dennoch verdichten sich die Hinweise, dass dieser Weg eingeschlagen wird. Über die möglichen Konsequenzen sprachen wir mit Prof. Dorit Bosse vom Zentrum für Lehrerbildung an der Uni Kassel.

Der Rotstift wird an der Bildung angesetzt. Wie stark wird das Kassel mit seinen zurzeit über 4000 Lehramtsstudenten treffen?

Prof. Dorit Bosse: Wenn 1000 von 5300 Referendariatsstellen in Hessen wegfielen, so müssten viele hessische Absolventen für ihre Ausbildung in andere Bundesländer ausweichen.

Das klingt erst mal nicht besonders dramatisch. Wo ist der Knackpunkt?

Bosse: Es gibt in den Ländern unterschiedliche Abschlüsse für künftige Lehrer: Den Bachelor, den Master und das Staatsexamen. Ein Wechsel zwischen den einzelnen Bundesländern nach dem Studium ist durch die unterschiedlichen Abschlüsse erschwert worden. Bestenfalls müssten die angehenden Lehrer aus Hessen auf Wartelisten gesetzt werden.

Was würde das für die Hochschullehrer bedeuten?

Bosse: Es wäre für uns demoralisierend, wenn künftig nicht gesichert ist, dass unsere Absolventen ihre Ausbildung auch wirklich abschließen können. Wir bringen viel Energie auf, unsere Studenten praxisnah auszubilden - damit sie den späteren hohen Anforderungen ihres Berufs gewachsen sind.

Hätte die Reduzierung auch Auswirkungen auf die Zahl der Studierenden, die die Uni Kassel aufnimmt?

Bosse: Nein, denn diese Zahl ist bei uns schon seit ein paar Jahren aufgrund der zur Verfügung stehenden Praktikumsplätze auf 700 pro Wintersemester für die allgemeinbildenden Lehrämter begrenzt. Wir sollten aber den Berufswunsch, Lehrer zu werden, keinem verwehren. Deswegen wäre ich sehr dafür, jedem Abiturienten, der die nötigen Voraussetzungen erfüllt, den Zugang zum Lehramtsstudium zu ermöglichen.

Wie sieht das Konzept an der Uni Kassel aus?

Bosse: Wir haben die Lehrerbildung mit großem Engagement und einem hohen Praxisteil betrieben - eigentlich seit Gründung der GhK (heute Uni Kassel) in den 1970er-Jahren. Unsere Hochschule hat bundesweit eine Vorreiterrolle, und unser Praxisanteil ist bereits jetzt sehr hoch.

Wie sieht das im Einzelnen aus?

Bosse: Ab dem dritten Semester absolvieren unsere Studenten ihr erstes von insgesamt drei Schulpraktika schon mit eigenem Unterricht. Die Studenten werden wissenschaftlich begleitet von den Dozenten, auch direkt vor Ort an den Praktikumsschulen. Es gibt auch Kooperationspraktika, in denen Studenten mit Referendaren zusammenarbeiten. Sollte es weniger Referendare geben, so wäre dieses Konzept als solches gefährdet.

Zum 1. August tritt ein neues Lehrergesetz in Kraft. Danach soll das Referendariat von 24 Monaten auf 21 reduziert werden: Zugleich ist die Einführung eines Praxissemesters für Studenten im Gespräch. Müsste allein deswegen die Zahl der Ausbilder steigen?

Bosse: Auf jeden Fall. Die Ausbilder - das sind die an die Studienseminare abgeordneten Lehrer - sind wichtige Kooperationspartner. Mit der Einführung des Praxissemesters müssten sie eigentlich noch mehr Stunden für die Zusammenarbeit mit der Uni aufbringen.

Auch die Staatlichen Schulämter sollen zusammengelegt werden. Was halten Sie davon?

Bosse: Je mehr zentralisiert wird, desto schlechter wäre das. Schulen benötigen eine regionale Anbindung an ihre Schulämter. Denn jede Region hat ihre Besonderheit - beispielsweise haben wir in Kassel Versuchs- und Europaschulen. Ziel muss es sein und auch bleiben, dass jeder einzelne Schüler eine optimale Bildung erhält.

Von Beate Eder

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