Kein Handyverbot geplant

Mit dem Smartphone im Uni-Hörsaal: Diese App ist bei Studenten angesagt

Jodeldiplom statt Bachelor: Eine Kasseler Studentin nutzt gerade die App Jodel. Wenn die Lehrveranstaltungen zu uninteressant sind, greifen viele Studenten zum Smartphone. Foto: Kiepe 

Kassel. Jodeln ist seit Kurzem unter Kasseler Studenten angesagt. Jodel heißt eine Smartphone-App, mit der man an einer digitalen Pinnwand kurze Nachrichten oder Fotos veröffentlichen kann.

Ob jodeln, chatten oder im Netz surfen: Viele Studenten gucken in Lehrveranstaltungen nicht mehr nach vorn, sondern nach unten auf das eigene Smartphone - zumal alle Hörsäle über kabelloses Internet verfügen.

In vielen Kasseler Schulen wurde das Problem durch Handyverbote beseitigt. Die Universitätsleitung sieht dafür an der Hochschule keine Notwendigkeit. „Unsere Studierenden sind volljährig, wir gehen grundsätzlich davon aus, dass sie selbst ein Gespür dafür haben, wie sie sich in Veranstaltungen konzentrieren“, sagt Vizepräsident Prof. Andreas Hänlein. Es liege im Ermessen der Dozenten, für eine „fruchtbare Lernatmosphäre in den Veranstaltungen zu sorgen“.

Hans-Jürgen Burchardt

Ein Professor, der in seinen Seminaren und Vorlesungen ein Handyverbot eingeführt hat, ist der Politikwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt. Das Smartphone verführe besonders zur Spielerei und lenke ab, „wenn die Lehrveranstaltungen nicht interessant genug sind“, sagt Burchardt. Ein Handyverbot könne den Studenten helfen, sich besser zu konzentrieren. Durch die Rückmeldungen sieht er sich bestätigt: „Evaluierungen meiner Lehrveranstaltungen haben diesen Eindruck bestätigt.“

Der Erziehungswissenschaftler Olaf-Axel Burow hingegen hält die Verbannung von Handys für eine Notlösung: „Allgemeine Verbote funktionieren nicht und sind Ausdruck einer pädagogischen Fantasielosigkeit.“ Selbstkritisch blickt der Professor für Allgemeine Pädagogik auf das Lehrformat Vorlesung, das kaum die Eigenaktivität der Lernenden anrege. „Die Studenten, die Smartphones nutzen, zeigen mir damit die mangelnde Attraktivität meiner Veranstaltung“, sagt Burow.

Olaf-Axel Burow

Moderne Kommunikationsmittel böten auch viele Chancen für mobiles Lernen, sagt der 63-Jährige. Die Frage sei daher, wie Smartphones an der Uni sinnvoll genutzt werden können. Er schlägt kleine Rechercheaufträge vor oder die Nutzung einer App, mit der ein Stimmungsbild der Studenten eingeholt und sofort visualisiert werden kann.

Die Möglichkeiten „Mobilen Lernens“ werden in einem gleichnamigen Projekt der Uni Kassel bereits erprobt: Das Servicecenter Lehre stellt Studenten, die an Lehrveranstaltungen des Projekts teilnehmen, 574 Tablets zur Verfügung, berichtet Leiterin Christiane Borchard. „Über eine App können in der Vorlesung Fragen abgestimmt und dann unter Sitznachbarn diskutiert werden. Dies ermöglicht einen Einstieg in die fachliche Auseinandersetzung.“

Politikwissenschaftler Burchardt lehnt das digitale Lesen von Seminartexten während Lehrveranstaltungen ab. „Das hebt mittelfristig vielleicht das Einkommen von Augenoptikern, nicht aber den Erkenntnisgewinn der Studenten“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Wer erfahren wolle, wie spannend Wissenschaft sei, so Burchardt, „müsse ab und zu das Papier auch knistern hören“.

Anonymes Sprücheklopfen mit Jodel 

Die Jodel-App wurde vor einem Jahr von Studenten aus Aachen entwickelt, der Firmensitz ist heute in Berlin. Die Smartphone-Anwendung kann von den Nutzern, Jodler genannt, kostenlos heruntergeladen werden. Die Jodler können anonym kurze Texte und Fotos in dem sozialen Netzwerk hochladen - und die Beiträge von Nutzern aus ihrer Umgebung sehen. Diese sogenannten Jodels können kommentiert, auf- und abgewertet werden. Wer viel jodelt, sammelt Punkte, Karma genannt. Die App wurde auch schon als das digitale Pendant zu vollgekritzelten Toilettenwänden bezeichnet - überwiegend werden Sprüche oder Alltagsanmerkungen veröffentlicht. Einige Beispiele für Einträge: „Wenn man ne Packung Nudeln einpflanzt und mit Bier begießt, wächst daraus ein Student.“„Als Frau über den Stern laufen - so müssen sich also Zootiere fühlen. Überall Gaffer.“ „Es sollte jeden Tag ein Foto vom Mensaessen gejodelt werden.“ Die App gibt es hier.

Von Lukas Kiepe

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