Für Auriea Harvey ist jedes Spiel ein Wunder

Gaming an der Uni: Diese Kasseler Professorin programmiert Computerspiele

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Kreative Lehrerin: Prof. Auriea Harvey an der Kunsthochschule. 

Früher hat Auriea Harvey Websites programmiert, nun ist die Amerikanerin an der Kasseler Kunsthochschule Professorin für Computerspiele. Games sind für sie ebenso Kunst wie Theaterstücke.

In den Kindertagen des Internets hat Auriea Harvey einige der ersten Websites programmiert, die es überhaupt gab. Die Amerikanerin mit Wohnsitzen im belgischen Gent und in Kassel hat eine neu eingerichtete Professur für Gaming an der Kunsthochschule inne. Sie kommt aus der Bildhauerei, ist Pionierin des Internets und als solche eine der ersten, die das Programmieren mit Kunst in Verbindung gebracht haben. Nun lehrt sie ihre Klasse, künstlerisch unabhängig ihren Weg ins Spiele-Business zu gehen. Etwa, indem die 8 bis 15 Studierenden nicht nur das Künstlerische gestalten, sondern die Spiele auch programmieren.

Vielleicht, so Auriea Harvey, die in sonnengelber Jacke bei starkem schwarzen Kaffee in ihrem Klassenraum im Nordbau sitzt – ihr Büro ist immer noch nicht fertig –, hat sie das Interesse fürs Programmieren von ihrer Mutter. Die hatte auf einer Militärbasis in den USA schon in den 60ern in der Computerei gearbeitet, damals noch mit Lochkarten. Nach der Schule in ihrer Heimat Indianapolis, Indiana, ging es dann erst mal in ein Studium der Bildhauerei, Installation und Performance, „ganz klassisch“.

Anfänge mit Websites

1994/95 hat sie mit den ersten Macintosh-Rechnern gearbeitet. „Dann zeigte mir jemand das Internet und innerhalb von 14 Tagen hatte ich meinen Job gekündigt, wollte unbedingt damit arbeiten.“ Sie programmierte Websites für New Yorker Firmen, aber etwa auch für ihre Friseurin aus der Nachbarschaft. „Ich habe wahnsinnig schnell Jobs gekriegt“, erinnert sich die 48-Jährige, vor allem für Plattenfirmen wie Virgin hat Auriea Harvey damals gearbeitet, Seiten für Künstler wie Janet Jackson und Depeche Mode eingerichtet.

Erste Computerspiele

In dieser Zeit hat sie auch ihren belgischen Ehemann Michaël Samyn kennengelernt. Die beiden haben Computerspiele entwickelt, virtuelle Welten erfunden, in Spiellandschaften geschwelgt, die manchmal gar nicht das vorrangige Ziel hatten, dass man darin ein Spiel gewinnen kann, sondern einfach dazu da waren, sie visuell zu erleben. Unter dem Namen Tale of Tales sind die Kreationen online noch zu finden.

Bühneninstallationen

Immer wieder ging es dem Kreativ-Paar auch darum, Brücken aus dem virtuellen in den realen Raum zu schlagen. Heute beschäftigt sich das Duo mit Bühneninstallationen oder mit virtuell-realen Mixformen, wie bei „Cathedral in the Clouds“, das den mittelalterlichen Zauber ihrer Heimatstadt Gent als Inspiration nimmt.

Ziele als Professorin

In Kassel möchte Auriea Harvey ihren offenen, genreübergreifenden Ansatz auch an ihre Studierenden vermitteln. „Das Konzept der Kunsthochschule ist einzigartig“, sagt sie, die Möglichkeit, so frei zu studieren, kennt sie von anderen Dozenturen nicht.

Auf der Werkbank im Klassenraum stehen Fantasy-Figürchen, die aus einem 3-D-Drucker stammen – Kreationen ihrer Lerngruppe für ein Schachspiel. Eine junge Frau betritt den Raum, klappt den Rechner auf – Auriea Harvey mag das sehr, in allen Belangen für die Studierenden da zu sein, von der Karriereberatung bis zu Lösungen für kreative Probleme.

Denen, die als Hardcore-Gamer die Leidenschaft zum Beruf machen wollen, rät sie: „Liebe das Spielen weniger.“ Wer so stark involviert sei, könne kein guter Entwickler werden. Sie empfiehlt, Spiele mit dem Blick des Designers zu spielen, nicht als Spieler. Dann würde nämlich schnell auffallen, wo selbst in kommerziellen Spielen jemand seine Kreativität ausgelebt hat, zum Beispiel in der Ausgestaltung einer besonderen Figur. „Jedes Spiel ist ein Wunder“ – Miracle sagt sie auf Englisch. Es sei an der Zeit, Computerspiele künstlerisch anzuerkennen und auf einer Stufe zu sehen etwa mit Theaterinszenierungen.

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