Prof. Aram Ziai von der Uni Kassel

Interview über Entwicklungspolitik und Rassismus

Die Kolonien sind Geschichte - das Denken in Kolonialherrenart noch nicht: Unser Bild zeigt Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg-Schwerin, der von 1912 bis 1914 der letzte Gouverneur der deutschen Kolonie Togo war, wie er bei einem späteren Besuch in Togo 1960 von einer Ehrengarde begrüßt wird. Foto: dpa

Kassel. An der Uni Kassel gibt es seit diesem Semester das deutschlandweit erste Fachgebiet, das sich postkolonialen Studien widmet. Wir sprachen mit dem Leiter, Prof. Aram Ziai.

Die Kolonialzeit ist Geschichte. Ist damit auch das Kolonialherrendenken vorbei? 

Prof. Aram Ziai: Leider nein. Mit dem Ende der Kolonien war das Denken in Kategorien von Höher- und Minderwertigkeit nicht zu Ende. Auf subtile Weise findet es sich bis heute in der Entwicklungszusammenarbeit wieder. Oftmals sind Projekte von Bevormundung gegenüber den vermeintlich weniger Entwickelten geprägt. Zudem gibt es bei den Geberländern Vorurteile: dass man glaubt zu wissen, wie beispielsweise „die“ Afrikaner sind.

Sie haben auch die Darstellung ehemaliger Kolonien in Schulbüchern untersucht. Was haben Sie festgestellt? 

Ziai: Oft finden sich stereotype Darstellungen über die Länder des Südens, die die rassistischen Klischees des Kolonialzeitalters noch aufgreifen. In mehreren aktuellen Schulbüchern sind etwa Bilder gegenübergestellt von einem deutschen und einem afrikanischen Mädchen. Das deutsche Mädchen geht zur Schule, macht eine Ausbildung, arbeitet und hat später zwei Kinder. Das afrikanische Mädchen weiß nichts von Verhütung, wird mit 16 schwanger, wird als Frau von ihrem Mann unterdrückt, hat mit Mitte 30 sieben Kinder und stirbt mit 47. Ihr Leben wird dargestellt als geprägt von Unwissenheit, Passivität und Hilflosigkeit.

Im Wortsinn ein Schwarz-Weiß-Denken. 

Ziai: Und zwar mit der Konnotation: Afrika ist immer noch rückständig. Und der Botschaft: Da muss doch jemand hingehen und denen etwas über Verhütung und Gleichberechtigung erzählen - obwohl es dort vielerorts Feministinnen gibt. Das steht in einer Linie mit der Rechtfertigung des Kolonialismus. Seinerzeit stellten die Kolonialherren es auch so dar, als müssten sie sich um die unterdrückten Frauen kümmern - und die vermeintlich rückständigen Völker zivilisieren.

Aber haben die früheren Kolonialstaaten aufgrund der Geschichte heute nicht in der Tat eine besondere Verantwortung gegenüber den ehemaligen Kolonien? 

Ziai: Wenn man zurückschaut, haben sie die Kolonien beraubt, sich das Land angeeignet, die Ressourcen ausgebeutet und zum Teil brutalste Verbrechen an der Bevölkerung begangen. Dafür wurden nie Reparationen gezahlt. Deutschland zum Beispiel hat den Völkermord an der Volksgruppe der Herero in Namibia durch deutsche Truppen 1904 bis heute nicht als solchen anerkannt - aus Angst vor Entschädigungszahlungen.

Wäre das aus Ihrer Sicht nötig? 

Ziai: Ja. Aber die historische Verantwortung reicht bis in die Gegenwart. Noch heute ist in den ehemaligen Kolonien ein Teil des Landes noch im Besitz der Nachfahren der Kolonialherren. Und die besten und fruchtbarsten Böden in den Ländern dienen nicht etwa der Versorgung der einheimischen Bevölkerung. Dort werden oft von multinationalen Unternehmen Exportprodukte angebaut wie Kaffee und Südfrüchte. Unsere Verantwortung wäre es, solche Strukturen aufzubrechen.

Wie viel kann Entwicklungshilfe da leisten? 

Ziai: Wenn man lediglich Geld und Fachleute in den Süden schickt, handelt es sich eher um eine symbolische Botschaft nach dem Motto: Wir tun etwas. Wenn man es wirklich ernst meint mit dem Kampf gegen Armut und globale Ungerechtigkeit, müsste man eher an Schrauben im Bereich der Weltwirtschaft drehen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Die Überweisungen, die aus dem Süden stammende Migranten in ihre Heimat schicken, sind mehr als doppelt so groß wie das Budget der gesamten Entwicklungszusammenarbeit. Ähnliches gilt für den an den Norden gezahlten Schuldendienst. Und noch problematischer ist der Zwang zur Marktöffnung.

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Ziai: In den 1980er- und 90er-Jahren haben in Ghana Geflügelexporte aus der EU die einheimischen Geflügelbauern vom Markt gedrängt, weil sie mit den Dumpingpreisen nicht mithalten konnten. Der Staat durfte aber keine Schutzzölle einführen, weil das in den internationalen Abkommen mit den Gebern nicht erlaubt war. Es scheint, dass man den Armen nur so lange helfen will, wie es die eigenen wirtschaftlichen Interessen nicht berührt.

Wie ließe sich ein fairer Umgang erreichen? 

Ziai: Neben Reformen der Weltwirtschaft müsste es auch um den Klimawandel gehen. Unser Lebenswandel mit Umweltverschmutzung und Abgasemissionen hat den Planeten an den Rande des ökologischen Ruins getrieben. Im Süden werden dadurch Existenzen vernichtet. Wer gibt uns das Recht dazu? Ähnlich ist es beim Thema Migration. Die Menschen aus Europa haben sich im Zuge des Kolonialismus über den ganzen Erdball verbreitet. Mit welcher Begründung kann man da heute die Einschränkung von Einwanderung aufrechterhalten? Zumal unser Reichtum nicht zuletzt auf der Ausbeutung dieser Länder beruht. Sie sehen: Wenn man Gleichberechtigung und universelle Menschenrechte ernst nehmen will, ist man schnell bei heiklen politischen Fragen.

Zur Person: Aram Ziai

Prof. Aram Ziai

Aram Ziai (42) ist seit Oktober Leiter des neuen Fachgebiets „Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien“. Bereits seit 2013 ist er als Heisenberg-Stipendiat an der Uni Kassel tätig. Ziai, dessen Vater aus dem Iran stammt, wurde in der Nähe von Aachen geboren. Er studierte Soziologie in Aachen und promovierte in Politikwissenschaften in Hamburg. 2003 habilitierte er sich in Kassel mit einer Studie zur globalen Strukturpolitik der rot-grünen Bundesregierung. Danach folgten berufliche Stationen in Amsterdam, Wien und Bonn. Ziai ist ledig, hat zwei Kinder und lebt in Herzogenrath bei Aachen.

Hintergrund: Deutsche Kolonien

Die deutschen Kolonien - seinerzeit „Schutzgebiete“ genannt - waren zusammen genommen sechsmal größer als das Deutsche Reich. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts erworben und nach dem Ersten Weltkrieg aufgegeben. Dazu gehörten:

• Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia),

• Deutsch-Ostafrika (Tansania, Sansibar, Ruanda, Burundi),

• Kamerun,

• Togo,

• Deutsch-Neuguinea (Papua-Neuguinea, Bismarck-Archipel, nördliche Salomonen, Marshallinseln, Nauru, Marianen, Karolinen und Palau),

• Samoa (Westsamoa),

• Kiautschou (Tsingtao, China).

Von Katja Rudolph

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