Interview: „Noch besser als in der Heimat“

Wissenschaftler der Uni Kassel über Lebensbedingungen von Roma

Polizeieinsatz: Auch einige Kleinkinder holten die Beamten am Mittwochabend aus dem baufälligen Haus an der Oberzwehrener Straße. Foto: Malmus

Kassel. Über die Situation von Rumänen und Bulgaren in Deutschland und speziell die Gruppe der Roma sprachen wir mit Sebastian Lotto-Kusche. Der Lehrbeauftragte der Uni Kassel beschäftigt sich in seiner Promotion an der Humboldt-Universität in Berlin mit den Sinti und Roma.

Warum kommen die Menschen aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland?

Sebastian Lotto-Kusche: Das ist unterschiedlich. Nach Zahlen des Sachverständigenrates Integration und Migration sind 21 Prozent der 25- bis 44-jährigen Rumänen und Bulgaren, die nach Deutschland kommen, hoch qualifiziert. Darunter sind etwa Ärzte, die hier besser verdienen. Aber es kommen auch die Diskriminierten und sozial Benachteiligten. Die Roma leben in ihrer Heimat in eigenen Siedlungen am Stadtrand. Nichtregierungsorganisationen schätzen, dass nur rund ein Drittel der Roma-Kinder in Rumänien einen Schulabschluss macht.

Wie leben diese Menschen in Deutschland?

Lotto-Kusche: Zur Wohnsituation gibt es keine Erhebungen. Es gibt tragische Fälle wie den aktuellen aus der Oberzwehrener Straße, die in den Medien diskutiert werden. Er zeigt zwar, dass für diese Menschen solche Verhältnisse besser sind als jene in ihrer Heimat, aber ich halte diese Fälle nicht für repräsentativ.

Das Bild des Bettlers oder Schrotthändlers ist also falsch. 

Lotto-Kusche: Vor der seit 2014 geltenden Arbeitnehmerfreizügigkeit waren die Erwerbsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Nun hat sich die Lage verbessert. In dem einen Jahr ist die Zahl der abhängig beschäftigten Rumänen und Bulgaren um 125 000 gestiegen. Denn nun haben sie einen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat herausgefunden, dass nur 9,2 Prozent der Rumänen und Bulgaren arbeitslos sind - ihr Kindergeld- und Hartz-IV-Bezug ist sogar geringer als bei anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen.

Sind es tatsächlich vor allem Roma, die kommen? 

Lotto-Kusche: Ich habe im Vorfeld meines Promotionsprojekts in der Kasseler Nordstadt recherchiert und stellte fest, dass viele nicht zur ethnischen Gruppe der Roma gehören. Auch die arme Landbevölkerung und die ebenfalls benachteiligte Minderheit der in Bulgarien lebenden Türken kommen nach Deutschland.

Stimmt es, dass Roma selten sesshaft werden? 

Lotto-Kusche: Das ist ein hartnäckiges Vorurteil. Der Großteil hat einen festen Wohnsitz. Das romantische Bild des Zigeunerlebens transportiert falsche Vorstellungen. Früher waren einige Sinti und Roma beispielsweise als Pferdehändler, Musiker oder Instrumentenbauer tätig. Ihr Beruf brachte das Reisen mit sich. Wegen der veränderten Arbeitswelt existiert dieses Phänomen kaum noch. Allerdings führt die negative Berichterstattung über Rumänen und Bulgaren auch dazu, dass diese häufig Probleme haben, eine Wohnung zu mieten, oder horrende Mietpreise in Kauf nehmen müssen.

Wie sollte die Gesellschaft reagieren? 

Lotto-Kusche: Man sollte sich bewusst machen, dass niemand gern seine Heimat verlässt. Durch die Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit in ganz Europa entstanden Brüche in den Berufs- und Bildungsbiografien, die bis heute negativ wirken. Auch deshalb hat unsere Gesellschaft eine besondere Verantwortung. Zuwanderung stellt uns vor eine große Herausforderung. Man muss in die Menschen investieren, um sie zu qualifizieren.

Zur Person:

Sebastian Lotto-Kusche

Sebastian Lotto-Kusche (27) ist Lehrbeauftragter der Universität Kassel im Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte. Zudem ist er Doktorand an der Humboldt-Universität in Berlin. Lotto-Kusche lebt in Kassel, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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