Gründervater der Informatik an der Uni Kassel

Pionier der Nullen und Einsen: Professor Lutz Wegner geht in den Ruhestand

Hat die Umstellung aufs digitale Zeitalter begleitet: Lutz Wegner ist seit 1987 Professor für Informatik in Kassel und bereitete den Weg für einen eigenen Studiengang Informatik an der Uni Kassel. Die Fachbücher nimmt er mit in den Ruhestand - allerdings mehr aus Nostalgie. Lesen werde er darin wohl nicht mehr. „Was heute nicht im Netz steht, ist weg“, sagt der Informatiker. Foto: Zgoll

Kassel. Als Lutz Wegner 1987 seine Informatik-Professur in Kassel antrat, hatte er nicht einmal eine E-Mail-Adresse an der Uni. Dabei war er gerufen worden, um die Informatik als eigene Disziplin an der damaligen Gesamthochschule zu etablieren.

Doch bis es so weit sein sollte, galt es, noch viel Pionierarbeit zu leisten.

„Kassel war damals für einen Informatiker ziemlich trostlos“, sagt Wegner. Eine seiner ersten Amtshandlungen war der Kauf eines Modems zur Datenübertragung, das mit dem Server der Uni in Dortmund verbunden werden sollte. Doch selbst die 50 D-Mark Gebühr dafür musste er in Kassel hart erkämpfen. Die elektronische Datenverarbeitung war Ende der 1980er-Jahre noch Neuland, in den meisten Uni-Büros wurde noch auf Schreibmaschinen getippt. Das Internet, wie wir es heute kennen, gab es noch nicht.

Die Informatik habe es aber nicht nur in den Anfangsjahren schwer gehabt, als Wissenschaft akzeptiert zu werden, sagt der heute 65-Jährige, der Ende März in den Ruhestand geht. „Bei uns ist ja alles aus Nullen und Einsen aufgebaut, da gibt es nichts zum Anfassen.“ Bis heute falle den meisten Menschen daher beim Stichwort Informatik nur der Computer ein. „Dabei ist es eine tief greifende Methoden- und Strukturwissenschaft – aber eben schwer vermittelbar“, sagt Wegner, dessen Fachgebiet Datenbanken sind.

Er selbst kam schon mit 18 Jahren als Austauschschüler in den USA mit der Informatik in Berührung und lernte erste Programmiersprachen. Die gläsernen, klimatisierten Rechnerräume mit den Mitarbeitern in weißen Kitteln faszinierten den jungen Mann aus Heilbronn, der sich dann für ein Wirtschaftsingenieurstudium in Karlsruhe einschrieb und schon als Werksstudent beim IT-Konzern IBM durch die Welt reisen durfte.

Nach einer ersten Professur an der FH Fulda wechselte er 1987 nach Kassel. Erst 2001 jedoch gelang es, mit einem eigenen Studiengang Informatik zu starten. „13 Jahre lang bin ich damit immer nur gegen die Wand gelaufen und habe mir eine blutige Nase geholt“, erzählt Wegner. Über drei spendenfinanzierte Stiftungsprofessuren ging der Plan endlich auf. Deutschlandweit gab es zu dieser Zeit allerdings schon über 40 Informatik-Fakultäten. Doch Kassel legte eine Aufholjagd hin.

Inzwischen gibt es ein Dutzend Professuren, 200 Studenten schreiben sich jährlich für den Studiengang ein. „Die Kasseler Informatik bewegt sich auf hohem Niveau und muss sich längst nicht mehr verstecken“, sagt ihr Gründervater, der nach 28 Jahren jetzt sein Büro räumt. Eine Kiste seiner Fachbücher nimmt der Kasseler, der drei erwachsene Kinder hat, mit in den Ruhestand - wenn auch eher als Erinnerungen aus dem Papierzeitalter denn zur nochmaligen Lektüre. „Was heute nicht im Netz steht, ist verloren“, sagt Wegner. Seinen Rechner wird er wohl öfter aufklappen: „Der bleibt mein Tor zur Welt.“ Nicht bei allen Formen digitaler Kommunikation macht der Fachmann jedoch mit: bei Facebook und Twitter wird man ihn nicht finden. Auch, weil er Herr seiner Daten bleiben will.

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