Studie der Kasseler Uni

Studienabbruch: Warum schmeißt jeder dritte Student hin?

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Fast jeder dritte scheidet vor dem Abschluss aus: Studienabbruch ist ein großes Problem - aber noch wenig erforscht. Kasseler Sozialwissenschaftler untersuchen nun, welche Gründe bei der Entscheidung eine Rolle spielen und welche Folgen ein Abbruch hat.  

Kassel. Wissenschaftler der Uni Kassel widmen sich einem verbreiteten, aber wenig erforschten Thema: dem Studienabbruch.

Ein Studienabbruch ist nicht nur für die Betroffenen oft ein bitterer Einschnitt. Dass fast jeder dritte Student die Uni vor dem Abschluss hinwirft, stellt auch ein Problem für die Gesellschaft dar. Nicht zuletzt wegen der hohen Kosten: 7000 Euro investiert der Staat pro Jahr in einen Studienplatz. Auch angesichts des Fachkräftemangels ist es wichtig, möglichst viele Studenten zum Abschluss zu führen.

Trotz der hohen Relevanz des Themas gibt es bislang nur wenige zuverlässige Erkenntnisse zum Studienabbruch. Selbst bei der bundesweiten Abbruchquote von 30 Prozent handelt es sich lediglich um einen aufwendig berechneten Schätzwert. Die einzelnen Hochschulen können meist nur nachvollziehen, wie hoch der Schwund innerhalb eines Jahrgangs ist – ohne zu wissen, wie viele der abgewanderten Studierenden gar nicht abgebrochen, sondern lediglich die Uni gewechselt oder das Studium im Ausland fortgesetzt haben.

Volker Stocké

Ein Team des Hochschulforschungszentrums (INCHER) an der Uni Kassel will nun die Gründe und Folgen von Studienabbrüchen sowie Studiengangswechseln genauer untersuchen. „Nur wenn man die Ursachen kennt, kann man auch zielgerichtete Gegenstrategien entwickeln“, sagt Prof. Dr. Volker Stocké, Direktoriumsmitglied am INCHER und Leiter des Fachgebiets Methoden der Empirischen Sozialforschung.

Die Wissenschaftler wollen unter anderem herausfinden, welche Rolle soziale Ungleichheiten beim Studienabbruch spielen. Anhand von Daten des nationalen Bildungspanels, einer Langzeitstudie zu Bildungsverläufen, untersuchen sie, warum Studierende aus nicht-akademischen oder weniger wohlhabenden Elternhäusern die Uni häufiger ohne Abschluss verlassen als Kommilitonen aus bessergestellten Schichten. Zwar gebe es dafür eine Reihe von Erklärungen – vom Fremdeln im akademischen Umfeld oder mangelnden Voraussetzungen für ein Studium über die Doppelbelastung durch Nebenjobs bis zu einem Rückzug aus rein rationalen Gründen, etwa wegen schlechterer Berufsaussichten. Empirisch belegt sei das im Einzelnen aber kaum, betont Stocké.

Daniel Klein

Ähnlich sieht es bei der Frage aus, welche Folgen für den weiteren Werdegang ein Studienabbruch oder -wechsel hat. „Es schwirrt immer die Annahme herum, dass solche Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt mit einem Makel versehen sind“, sagt Daniel Klein, wissenschaftlicher Projektmitarbeiter. Womöglich gehe ein Teil der Studienabbrüche aber auch darauf zurück, dass es schon vor dem Abschluss ein attraktives Jobangebot gab. Und ein Wechsler müsse von Arbeitgebern nicht zwangsläufig als unstet abgestempelt werden. Das trotz Abbruch im Studium Erlernte könne auch als Plus gelten.

Anhand der Datenbasis wollen die Forscher herausarbeiten, wie es den Abbrechern und Wechslern später tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt ergeht. Volker Stocké selbst hat in jungen Jahren übrigens seine erste Studienwahl Germanistik revidiert. So schlecht kann die Entscheidung nicht gewesen sein – heute ist er schließlich Professor.

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