Gudrun Spahn-Skrotzki

Umweltethikerin zum Bratwurstverbot: "Fleisch essen ist nicht reine Privatsache"

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Fleischproduktion: Diese Schweine in einem Mastbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern führen ein gequältes Leben bis zur Schlachtung. Umweltethiker und Tierschützer kämpfen oft gegen Windmühlen, wenn sie bessere Lebensbedingungen für Tiere in den Fleischfabriken fordern.

Gudrun Spahn-Skrotzki, die sich an der Uni Kassel mit ethischen Fragen auseinandersetzt, kann den anhaltenden Streit um die vom Tag der Erde verbannten Bratwurststände nicht verstehen.

Für sie kommt dabei die Reflexion über Fleischkonsum, Ethik und christliche Verantwortung zu kurz.

Die Wellen schlugen und schlagen noch immer hoch über die Verbannung der Bratwurst vom Tag der Erde. Haben Sie nicht doch auch ein bisschen Verständnis für die Wurst-Fans in Kassel?

Spahn-Skrotzki: Die Empörung der zurückliegenden Tage kann ich nicht nachvollziehen. Da ist etwas grundlegend falsch verstanden worden. Das hat doch nichts mit Intoleranz oder Bevormundung zu tun, wenn es keine Bratwurststände gibt.

Worum geht es dann?

Spahn-Skrotzki: Essen ist heute nicht mehr nur Privatsache. Da wo Mitmenschen, Mitlebewesen und die Mitwelt tangiert sind, ist es eben nicht nur privat. Das ist Vielen beim Fleischessen gar nicht bewusst. Aber unser hoher Fleischkonsum in den westlichen Ländern steht im direkten Zusammenhang mit dem Hunger in der Welt und der Zerstörung der Mitwelt.

Alle fünf Sekunden verhungert auf der Welt ein Kind unter zehn Jahren. Skandalös ist, dass dies nicht sein müsste. Der World-Food-Report der UNO sagt, dass die Weltlandwirtschaft heute problemlos an die zwölf Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der Weltbevölkerung, ernähren könnte.

In welchem Zusammenhang steht das zur Fleischproduktion?

Spahn-Skrotzki: Weil zu viel Land für die Erzeugung von Futtermitteln verbraucht wird, steht nicht mehr genügend Land für die Erzeugung von Getreide und Gemüse für die direkte Ernährung zur Verfügung. Für die Erzeugung von tierischen Kalorien braucht man ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien. 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen werden für die Viehwirtschaft genutzt. Menschen hungern, und bei uns wird das Getreide, das diesen Menschen, etwa in Südamerika fehlt, und das aus ihren Ländern stammt, als Futtermittel verwendet. Weitere Probleme sind der Klimawandel und ein steigender Wasserverbrauch. Dazu: Durch die Fleischproduktion werden mehr Klimagase produziert als durch Autos, Flugzeuge und Züge zusammen. Für die Erzeugung von einem Kilo Rindfleisch werden bis zu 15.000 Liter Wasser benötigt. Für ein Kilo Kartoffeln circa 290 Liter.

Kaum einer macht sich das bewusst?

Spahn-Skrotzki: Nein. Man versucht zwar, im eigenen Haushalt Wasser zu sparen, denkt dann aber häufig nicht weiter. Das Konsumverhalten wird oft nicht infrage gestellt.

Wie viel hat das mit Verdrängung zu tun?

Spahn-Skrotzki: Eine Menge. Ebenso die Tatsache, dass Massentierhaltung in der Regel für die Tiere sehr qualvoll und nicht artgerecht ist und durch den Einsatz von Medikamenten auch für Menschen höchst problematisch. Die Gefahr einer Pandemie als Folge von Antibiotika-Resistenzen steht in direktem Zusammenhang mit unserem Fleischkonsum. Da will keiner drüber nachdenken, wenn er in seine Bratwurst beißt.

Was hat das mit dem Tag der Erde zu tun?

Spahn-Skrotzki: Ich finde, dass ein Tag der Erde der richtige Anlass ist, einmal über all das nachzudenken, Alternativen zum Fleischkonsum aufzuzeigen und auszuprobieren.

Es wird ja niemand gezwungen, den Tag der Erde zu besuchen, sondern es wird nur eingeladen. Und für ein paar Stunden mal auf die Bratwurst zu verzichten, dürfte sicher kein all zu großes Opfer sein.

Essen Sie selber Fleisch?

Spahn-Skrotzki: Nein, ich bin Vegetarierin. Es geht aber nicht darum, dass jeder ein strenger Vegetarier sein muss, sondern darum, verantwortungsvoll zu konsumieren.

ZUR PERSON: DR. GUDRUN SPAHN-SKROTZKI (47)

Werdegang:

Studium der Theologie und Biologie in Osnabrück, Münster und Bielefeld.

Job:

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Uni Kassel.

Arbeitsschwerpunkt:

Spahn-Skrotzki promovierte zu einem umweltethischen Thema und forscht zum Fachgebiet Verantwortliches Handeln.

Privates:

Spahn-Skrotzki ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt in Kassel.

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