Angehende Lehrkräfte fühlen sich nicht genug geschützt vor Corona-Gefahr

Unmut unter angehenden Lehrern über mündliche Prüfung

Sie hat kein Verständnis für die Haltung der hessischen Lehrkräfteakademie: Heike Jackisch studiert Grundschullehramt an der Uni Kassel.
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Sie hat kein Verständnis für die Haltung der hessischen Lehrkräfteakademie: Heike Jackisch studiert Grundschullehramt an der Uni Kassel.

Unter angehenden Lehrerinnen und Lehrern an der Uni Kassel gibt es Unmut. Konkret geht es um die mündlichen Prüfungen für das Erste Staatsexamen, die hessenweit ab dem 4. Oktober beginnen.

Kassel - Die Studierenden machen sich Sorgen um ihre Gesundheit und würden sich wünschen, dass sie mit Blick auf die Corona-Pandemie die Wahl haben, ob sie sich mündlich prüfen lassen wollen oder ihre Note auf Basis ihrer bisherigen Leistung hochgerechnet wird. Letzteres geschah für die Prüflinge, die im Frühjahr 2020 und 2021 an der Reihe waren.

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, haben Lehramtsstudierende eine hessenweite Online-Petition gestartet, für die mehr als 3500 Personen unterschrieben haben. Sie richten sich damit an die hessische Lehrkräfteakademie, die das Prüfungsprozedere organisiert. Heike Jackisch unterstützt die Petition. Die 22-Jährige studiert seit 2017 Grundschullehramt in Kassel.

„Wir wollen die mündlichen Prüfungen nicht verhindern, sondern nur eine Wahlfreiheit für die Kandidatinnen und Kandidaten erreichen“, sagt Jackisch. Wer sich Sorgen um seine Gesundheit mache, dürfe nicht gezwungen werden, an der mündlichen Prüfung teilzunehmen.

Zu den Terminen in den vergangenen beiden Frühjahren hatte die Lehrkräfteakademie vor dem Hintergrund der Pandemie auf die mündlichen Prüfungen verzichtet. Stattdessen waren die Noten hochgerechnet worden. „Vergangenen März, als die letzten Prüfungen stattfanden, lag die Inzidenz in Hessen bei 75, aktuell liegt sie bei fast 100. Da kann ich nicht verstehen, warum die Lehrkräfteakademie an der mündlichen Prüfung festhält“, sagt die 22-Jährige. Zumal das Studium ohnehin herausfordernd sei, weil seit drei Semestern alles nur digital stattfinde und Sprechstunden nicht angeboten würden.

Die Studentin verweist auf Bayern, wo man den Kandidatinnen und Kandidaten an anderer Stelle entgegengekommen sei. So habe es bei schriftlichen Prüfungen 20 Minuten zusätzlich gegeben, damit Maskenpausen eingelegt werden konnten, ohne dabei Zeit zu verlieren. Bei vierstündigen Prüfungen sei dies nötig. Zudem gebe es in Bayern wegen Corona eine Wiederholungsmöglichkeit.

Eine solche wird in der Petition auch für Hessen gefordert. So könnten Studierende, die zu ihrem Prüfungstermin an Corona erkranken oder in Quarantäne müssen, einen zeitnahen Nachholtermin erhalten und müssten nicht auf den nächsten Durchlauf im Frühjahr warten. „Viele von uns arbeiten in Schulen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir betroffen sind“, sagt Jackisch. Bei den schriftlichen Prüfungen sei zu beobachten gewesen, dass einige trotz Vorgaben der Universität krank erschienen sind. „Niemand will so lange warten, bis er die Prüfung wiederholen kann. Da kommen manche lieber krank und gefährden den Rest“, so die Studentin.

Die angehende Grundschullehrerin ärgert sich über das Antwortschreiben der Lehrkräfteakademie auf die Petition. In diesem heißt es, dass besorgte Studierende von ihrem Prüfungstermin ohne Nachteil zurücktreten könnten, um sich dann im Frühjahr prüfen zu lassen. „Da verlieren wir ein halbes Jahr“, sagt Jackisch.

Das sagt die Hessische Lehrkräfteakademie: Ein Sprecher des Kultusministeriums teilt auf HNA-Anfrage mit, dass im Hessischen Lehrerbildungsgesetz mündliche Prüfungen vorgeschrieben sind. Diese seien im Frühjahr 2020 wegen des Lockdowns und im Frühjahr 2021 wegen der angestiegenen Inzidenzzahlen nicht durchführbar gewesen. Deshalb habe man seinerzeit die Noten hochrechnen lassen. „Jetzt ist die Situation jedoch eine ganz andere. Anstelle der Inzidenzen sind andere Faktoren getreten“, so ein Ministeriumssprecher. Auch im Herbst 2020 hätten die mündlichen Prüfungen normal stattgefunden. Und auch die schriftlichen Prüfungen seien ohne Infektionsfälle durchgeführt worden. „Dabei gelten je nach Universitätsstandort unterschiedliche Hygienekonzepte, die wir vor Ort aber jeweils eingehalten haben“, so der Sprecher. Ein Nachholtermin sei in Hessen nicht möglich, weil die Prüfungen – anders als in Bayern – dezentral organisiert seien. Dieses System schließe Nachholprüfungen zwischen den halbjährlichen Terminen aus. „Wir haben in diesem Durchgang 3500 Prüfungen und können diese nicht beliebig verschieben“, so der Sprecher. Zu Maskenpausen teilt er mit: Auch jenseits von Corona seien für Studierende kleine Unterbrechungen möglich.

Das sagt die Uni: Die Uni Kassel teilt zu ihrem Umgang mit mündlichen Prüfungen mit: „Mündliche Prüfungen, die wir als Universität durchführen, sei es im Rahmen von Modulprüfungen oder im Rahmen von Abschlussarbeiten, können sowohl in Präsenz als auch – unter bestimmten Umständen –per Videokonferenz durchgeführt werden. Das gilt auch für Disputationen zu Promotionen. Wir haben mit beiden Formen gute Erfahrungen gemacht. Hochgerechnet wurde bei uns nicht.“ (Bastian Ludwig)

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