Gremium verteidigt vorgeschlagene Verkehrswende für Kassel

Kasseler Klimaschutzrat: „Uns läuft die Zeit davon“

Anwohner leiden unter dem Verkehr: Die Frankfurter Straße gehört zu den am stärksten befahrenen Straßen in Kassel. Durch Baumpflanzungen soll sie in den nächsten Jahren attraktiver werden. Archivfoto: Lothar Koch
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Anwohner leiden unter dem Verkehr: Die Frankfurter Straße gehört zu den am stärksten befahrenen Straßen in Kassel. Durch Baumpflanzungen soll sie in den nächsten Jahren attraktiver werden. Archivfoto: Lothar Koch

Die Vorschläge des Klimaschutzrates für eine Verkehrswende in Kassel haben viel Lob, aber auch Kritik ausgelöst. Über das Verkehrskonzept des Gremiums sprachen wir mit dem Vorsitzenden des Klimaschutzrates, Prof. Martin Hein, und Prof. Carsten Sommer von der Uni Kassel, der das Konzept federführend begleitet hat.

Auf Ihre Vorschläge kam neben Lob auch viel Kritik. Auf Widerstand traf etwa der Vorschlag für eine Verdoppelung der Parkgebühren. Wie nehmen Sie diese Kritik auf?

Carsten Sommer: Wir wollen niemanden ärgern, sondern wir verfolgen ein Ziel – den politischen Auftrag, die Klimaneutralität bis 2030 in Kassel zu erreichen. Der Klimaschutzrat ist so besetzt, dass er alle Gruppen der Stadtgesellschaft abbildet: Von der Wirtschaft über Umweltverbände und Kirchen bis hin zu Gewerkschaften. Auch die Vertreter von Daimler und VW in Baunatal, die im Klimaschutzrat sitzen, haben für das Verkehrskonzept gestimmt. Das zeigt, das sind keine Vorschläge von und für eine bestimmte Klientel. Herr Hein und ich setzen hier nicht das um, was uns gefällt.

Martin Hein: Das Konzept ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Es werden aber oft nur einzelne Bestandteile, wie etwa die Parkgebührenerhöhung, herausgepickt und kritisiert. Dabei sind etwa die Parkgebühren nur die eine Seite, die aber kompensiert wird durch andere Maßnahmen, wie beispielsweise das Flex-Abo-Plus-Angebot. Mit diesem wird der ÖPNV günstiger – und das Parken in Tiefgaragen übrigens auch. Sommer: Anreize und Einschränkungen müssen ausgewogen sein. Als Erstes die Parkgebühren zu erhöhen, wäre der falsche Weg.

Dennoch ist das Konzept für viele eine Provokation?

Hein: Man wird in Kassel sicher nicht von heute auf morgen die Verkehrswende erreichen. Und wir sind mit unserem Konzept fehlerfreundlich. Korrekturen sind also möglich. Klar muss aber sein: Wenn wir in neun Jahren die Klimaneutralität erreichen wollen, dann sind dafür einschneidende und schmerzhafte Maßnahmen sowie hohe Investitionen nötig.

Für Ihre Vorschläge wollen Sie eine breite Unterstützung gewinnen. Wie?

Sommer: Wir sind ja erst am Anfang des Diskussionsprozesses. Zunächst wollen wir informieren und aufklären, was unsere Maßnahmen bedeuten und was wir erreichen wollen. Da gibt es verschiedene Formate, die Bürger einzubinden.

Welche könnten das sein?

Sommer: Nehmen wir den vorgeschlagenen Umbau von Straßen zu Lebensräumen. Hier soll es zunächst Experimentierfelder geben. Die Untere Königsstraße ist ein gutes Beispiel. Hier wird demnächst temporär getestet, welche Auswirkungen es hat, wenn man diesen Bereich für Autos sperrt. Im Vorfeld sagen viele Händler natürlich erst mal: Das geht nicht, wir müssen ja beliefert werden. Aber ich denke, dass sich innerhalb des zeitlich begrenzten Versuches viele positive Entwicklungen zeigen werden, die nicht nur etwas mit Klimaschutz, sondern vor allem mit Lebensqualität zu tun haben. Man muss zeigen, was für ein Gewinn das ist. Hein: Natürlich wird es dafür Bürgerversammlungen und Befragungen geben müssen - auch wenn das wegen Corona aktuell schwierig ist. Die Stadt hat zudem eine Agentur beauftragt, die ein Kommunikationskonzept für den Klimaschutzrat erarbeiten soll. Klar ist jedoch: Mit Druck erzeugt man Gegendruck. Wir müssen auf Überzeugung setzen. In Kassel wurde in den 50er-Jahren alles auf die autogerechte Stadt hin ausgerichtet. Hier braucht es einen Paradigmenwechsel. Die Menschen müssen spüren: Es lohnt sich und macht Spaß, bei diesem Wandel mitzuarbeiten.

Welche positiven Botschaften gibt es neben dem Gewinn an Lebensqualität?

Sommer: Es gibt auch wirtschaftliche Effekte, wenn viele Millionen in die Verkehrswende investiert werden. Denken Sie nur an die erheblichen Investitionen, die mit einem Bau der Straßenbahnstrecken nach Waldau, Harleshausen und zum Herkules verbunden wären. Hein: Wichtig ist, dass die Maßnahmen nicht zu Lasten von sozial Schwächeren gehen. Sie müssen für alle verträglich sein. Aber dass es eine Verhaltensänderung geben muss, sollte uns allen bewusst sein.

Sehen Sie Vorbilder für Kassel?

Hein: Andere Länder wie die Niederlande sind uns weit voraus. Da zahlen die Menschen das Zehnfache für das Parken, dafür ist der ÖPNV sehr günstig. Das ist dort ganz normal. Die Menschen kommen entspannter zum Ziel. Sommer: Deshalb wollen wir die Parkgebührenerhöhung mit einem neuen ÖPNV-Angebot verknüpfen. Wenn wir Alternativen schaffen, gibt es keine Einschränkungen. Und von weniger Autoverkehr profitieren auch die Unternehmer, weil sie weniger Stellplätze vorhalten und bauen müssen. Plötzlich entsteht in der Stadt Raum für Neues, für attraktive Gestaltung. Wir befinden uns mit anderen Städten im Wettbewerb um die besten Köpfe. Da ist die Lebensqualität entscheidend. Hein: Wien etwa betreibt die Parkraumbewirtschaftung so intensiv wie kaum eine andere Stadt und hat mit die höchste Lebensqualität. Das zeigt, dass dies kein Widerspruch ist. Im Gegenteil.

Halten Sie es für realistisch, bis 2030 die Klimaneutralität zu erreichen?

Sommer: Es gibt Vorschläge, die kurzfristig umsetzbar sind. Bei der Busanbindung von Stadt und Umland kann man schon dieses Jahr Verbesserungen erreichen. Sie brauchen Fahrer und Busse – aber das ist machbar. Auch der Park-and-Ride-Ausbau an den Straßenbahn- und Regio-Tram-Linien braucht keinen langen Vorlauf.

Bei der Straßenbahnanbindung von Harleshausen, Waldau und dem Herkules dauert es sicher länger, aber auch hier gibt es schon konkrete Planungen und Mittel von Land und Bund. Wir müssen einfach mal anfangen, uns läuft die Zeit davon.

Hat die Stadt das Personal für die große Aufgabe?

Sommer: Die Stadt benötigt sicher weitere Fachleute und Ressourcen. Wir brauchen Planer, Busfahrer und so weiter. Mit dem Ziel vor Augen, eine Stadt neu gestalten zu können, ließen sich im Rathaus sicherlich viele junge Menschen gewinnen.

Ist die Politik reif für den Wandel?

Hein: Klimapolitik steht inzwischen ganz oben auf der politischen Agenda. Sie wird den Bundestagswahlkampf wesentlich mitbestimmen. Das wird sich auch auf die Parteien in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung auswirken. Wir sind natürlich nur ein Beratungsgremium. Aber es war der politische Wille, dass wir Maßnahmen erarbeiten. Sommer: Die Bevölkerung ist oft weiter, als die Politik glaubt. In den städtischen Milieus hat sich viel verändert seit dem Lolli-Trauma der SPD Anfang der 90er-Jahre. Anm. der Red.: 1993 verlor die SPD die Wahl deutlich gegen die CDU. Verantwortlich dafür gemacht wurden unter anderem die rot-weißen, runden Verkehrsbaken („Lollis“ genannt) , die damals vor der Wahl im großen Stil an den Straßen aufgestellt wurden. (Bastian Ludwig)

Zu den Personen:

Prof. Dr. Martin Hein (67) ist evangelischer Theologe und ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Seit März 2020 ist er Vorsitzender des Kasseler Klimaschutzrates. Hein ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er lebt in Kassel.

Prof. Dr. Carsten Sommer (48) ist Leiter des Fachgebietes „Verkehrsplanung und Verkehrssysteme“ am Institut für Verkehrswesen der Uni Kassel. Er arbeitet in der Themenwerkstatt Mobilität des Klimaschutzrates mit. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Kassel – ohne Auto.

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