WELTFRAUENTAG Wie es einer Reinigungskraft in Kassel derzeit ergeht

Corona-Krise: Frauen tragen die Hauptlast

 Gebäudereinigerin beim Fensterputzen.
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Sie arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit: Unser Foto zeigt eine Gebäudereinigerin beim Fensterputzen.

„Frauen sind die Verliererinnen der Pandemie“, sagt Ursula Waas von der IG Bau Nordhessen. Anlässlich des Internationalen Frauentags warnt die Gewerkschaft vor einem Rückschritt bei der Gleichberechtigung in Folge der Corona-Pandemie in der Region Kassel. Insbesondere Minijobs würden in der Krise zur Karrierefalle. Wir unterhielten uns mit einer Gebäudereinigerin.

Kassel. In der Stadt sind laut Arbeitsagentur 73 Prozent aller rund 960 Minijobs in Frauenhand. Das Verhältnis entspreche dem im Landkreis Kassel, so Ursula Waas von der IG Bau Nodhessen. Diese 450-Euro-Stellen sind in der Krise aber besonders gefährdet. Beispielsweise seien in der Gastronomie, im Handel, in Hotels, in der Gebäudereinigung die meisten der Minijobs ersatzlos weggebrochen. Geringfügig Beschäftigte haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld.

Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Ilona Friedrich bestätigt die Schieflage. Die Daten zum Arbeitsmarkt in Kassel zeigten, dass Frauen vom Jobverlust in der Coronakrise besonders betroffen sind. Zwischen Januar 2020 und Januar 2021 ist der Anteil der Frauen an den Arbeitslosen in der Stadt Kassel um 18,6 Prozent gestiegen. Frauen seien verstärkt sowohl in systemrelevanten Berufen wie der Pflege und Erziehung beschäftigt als auch in Branchen wie dem Handel oder Gastgewerbe, in Teilzeit oder geringfügigen Beschäftigungen. „Letztgenannte sind besonders von der Pandemie betroffen und haben ihren Arbeitsplatz verloren.“

Geringfügig Beschäftigte haben gegebenenfalls Anspruch auf SGB II-Leistungen. Frauen, so Friedrich, trügen die Hauptlast der Pandemie, weil sie zudem vielfach die Sorgearbeit wie Kinderbetreuung, Pflege älterer Menschen, Homeschooling, Haushalt leisteten.

„Als zuständige Dezernentin für die kommunale Arbeitsmarktförderung ist mir wichtig, dass wir verstärkt Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekte für Frauen anbieten und dabei im Blick haben, dass diese dem Alltag und der Lebenswirklichkeit entsprechen und flankierende Angebote wie Kinderbetreuung, aber auch Maßnahmen in Teilzeit angeboten werden.“

Wie sehr Frauen, die deutlich häufiger als Männer im Niedriglohnsektor arbeiten, sich finanziell nach der Decke strecken müssen, davon weiß Michaela Höhle ein Lied zu singen. In Corona-Zeiten hat sich die Situation für sie und ihre Kolleginnen noch verschärft.

Die 44-jährige, die als Spül- und Reinigungskraft für die Firma Tip-Top Dienstleistungen im Baunataler VW-Werk arbeitet, verdient im Monat durchschnittlich 1100 Euro. In der coronabedingten Kurzarbeit blieben ihr davon 60 Prozent. „Rechnen Sie sich das mal aus“, sagt sie. „Da bleibt zum Leben nicht mehr viel übrig.“ Sich ein Auto zu finanzieren, davon kann Michaela Höhle nur träumen.

Für Single-Frauen und Alleinerziehende sei das Leben mit diesem Verdienst schwer zu stemmen. Michaela Höhle wohnt mit ihrem Freund zusammen. So werden die Lebenshaltungskosten auf zwei Schultern verteilt. Das sei leichter. „Ohne Partner, der verdient, ist es bitter.“

Michaela Höhle

Eine Freundin und Kollegin sei alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Kindes. „Die hat es richtig schwer.“ Um über die Runden zu kommen, habe sie neben ihrer Tätigkeit als Spülkraft zuletzt noch einen Nebenjob in der Hotellerie gemacht. Der Job sei aber durch Corona ersatzlos weggebrochen. „Meine Freundin ist einfach verzweifelt“, sagt Michaela Höhle. Und dann komme noch Homeschooling dazu. Sie mache sich Sorgen, was passiert, wenn sie wieder mehr arbeiten kann und das Kind betreut werden muss. „Das kriegt sie nicht unter einen Hut. Das funktioniert nicht.“

Seit Januar verdienen Michaela Höhle, die Gewerkschaftsmitglied ist, ebenso wie ihre Kolleginnen 11,11 Euro die Stunde. Sie hat bei Tip-Top wie ihre Kolleginnen einen Sechs-Stunden-Teilzeit-Vertrag. „Es gibt kaum Frauen, die in der Gebäudereinigung einen Vollzeitjob machen. Wir zum Beispiel sind ja gebunden an die Küchenzeiten von VW. Es muss sich nach dem Betrieb , wo wir reinigen, gerichtet werden. Das ist mal am frühen Morgen, manche machen Nachtschichten. Ich würde gerne mehr Stunden arbeiten.“

Mit dem Gehalt als Reinigungskraft könne frau sich nichts leisten, keine Kredite zahlen. „Wenn man sich verschuldet, kommt das Drama. Ich kaufe nichts auf Pump, da kann ich besser schlafen.“

Von diesen prekären Lohnsituationen seien vor allem Frauen betroffen. „Es arbeiten ja viel mehr Frauen in der Gastronomie, in Hotels, in der Reinigung als Männer. Schade, dass man uns nicht sieht. Anders als die Frauen, die in Krankenhäusern arbeiten. Wir bekommen so gut wie nie ein Dankeschön, Anerkennung oder Applaus. Doch, einer der Köche im Werk sagt immer danke, das tut gut. Wir leisten doch auch unseren Beitrag, sind relevant, aber wir bekommen keinen Corona-Bonus. Das ist ungerecht.“

Seit drei Jahren kämpfe die Gewerkschaft für Weihnachtsgeld, vergeblich. Immerhin habe man mit der Bundesfachgruppe der Gewerkschaft die Lohnerhöhung für 2021 geschafft. Davor waren es 10,58 Euro. Im Jahr 2023 sollen es dann 12 Euro sein.

Von Christina Hein

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