Handelsvertreter steht wegen Betrügereien beim Abschluss von Anzeigenaufträgen vor Gericht

Wegen Betrügereien vor Gericht: Unschuldsbeteuerung statt Geständnis

Kassel. Zuerst entgleisen dem Staatsanwalt die Gesichtszüge. Dann brechen sich Unmut und Überraschung auch auf der Richterbank Bahn. Ein umfassendes Geständnis, wie es der Angeklagte versprochen habe, sagt Richter Leyhe und ringt um diplomatische Formulierungen, habe man sich schon etwas anders vorgestellt.

Denn anders als von seinem Verteidiger angekündigt, denkt der 52-jährige Handelsvertreter, der sich vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten muss, nicht im Traum daran, Betrügereien beim Abschluss von Anzeigenaufträgen für eine ominöse „Bürgerinformationsbroschüre“ zuzugeben. Was eigentlich ein Geständnis werden sollte, gerät zu einer einzigen Unschuldsbeteuerung.

„Nie“, sagt er, habe er vorgespiegelt, Annoncen für offizielle Informationsblätter der Kommunen zu sammeln – statt für seinen Auftraggeber. Dabei handelt es sich um einen dubiosen Werbeverlag aus dem fränkischen Pegnitz und dessen dünne „Bürgerinformationsbroschüren Handwerk, Handel und Gewerbe“. Eine Publikation ohne Nutz- und Werbewert, wie die Staatsanwaltschaft meint. Von „Flatterheftchen auf Altpapier“ spricht eine Zeugin.

Nein, unterbricht Richter Leyhe schließlich den monotonen Vortrag des Angeklagten, so gehe das nicht. So gelte nicht mehr, was Gericht und Staatsanwaltschaft dem 52-jährigen Franken bei umfassendem Geständnis in Aussicht stellten: eine Freiheitsstrafe von weniger als zwei Jahren. Und damit die Hoffnung, trotz weiterer ähnlicher Verfahren andernorts auch insgesamt mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen.

Wegen gewerbsmäßigen Betrugs in insgesamt 17 Fällen hat die Staatsanwaltschaft den Handelsvertreter angeklagt. Von Oktober 2007 bis März 2008 soll er in Nordhessen und Südniedersachsen Anzeigen eingeworben haben – bei einem Rechtsanwalt in Grebenstein und einem Bestatter in Kassel ebenso wie bei einer Musikschule in Kaufungen oder einem Eiscafé in Melsungen.

Und stets soll er dabei den Eindruck erweckt haben, dass es um neue Informationsblätter der Gemeinde gehe, die er manchmal sogar mitgebracht und vorgezeigt haben soll.

„Er sagte mir, dass er von der Stadt Fritzlar kommen würde“, berichtet eine Kosmetikerin vor Gericht. „Da mir das seriös erschien, habe ich den Vertrag unterschrieben.“ Erst viel später merkte die 39-Jährige, dass sie sich gleich für acht vierteljährlich erscheinende Heftchen verpflichtet hatte. Und die Rechnung allein für die erste Anzeige fiel dann mit gut 400 Euro auch noch fast doppelt so hoch aus wie versprochen.

So oder ähnlich soll es in fast jedem der 17 Fälle gelaufen sein. Mehr als 6500 Euro flossen auf diese Weise an den Werbeverlag, ein Viertel davon kassierte der Angeklagte.

Der Prozess wird am 2. Februar fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

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