Gestrandet in Saudi-Arabien

Kasseler Paar hat sich entschieden, dauerhaft zu reisen, jetzt hat Corona sie gestoppt

Am Karakul-See in Tadschikistan: Dagmar und Oliver Neumann sind mit ihrem Auto durch Zentralasien gefahren.
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Am Karakul-See in Tadschikistan: Dagmar und Oliver Neumann sind mit ihrem Auto durch Zentralasien gefahren.

Reisen ist derzeit nur eingeschränkt möglich. Dagmar und Oliver Neumann haben sich 2018 entschlossen, dauerhaft zu reisen. Wie sich das anfühlt, darüber haben wir mit dem Paar, das derzeit in Kassel lebt, gesprochen.

Kassel – Als sich Dagmar und Oliver Neumann kennengelernt haben, haben sie schnell gemerkt, dass sie eins verbindet, nämlich die Leidenschaft zu reisen. Zunächst reisten sie mit dem Rucksack – unter anderem durch Australien und Südamerika. Mit ihrem umgebauten Pick-up waren sie in Zentralasien.

Was hat es mit Ihrer Reiseleidenschaft auf sich?
Oliver Neumann: Ich bin schon als Schüler mit dem Rucksack verreist. Als ich Dagmar 2004 kennengelernt habe, haben wir uns gegenseitig ein bisschen angestachelt.
Dagmar Neumann: 2009 haben wir uns entschieden, unsere Jobs zu kündigen, alles hinter uns zu lassen und durch Südamerika, Südostasien und Australien zu reisen – 13 Monate mit dem Rucksack. Als wir zurückkamen, haben wir wieder angefangen zu arbeiten, haben uns ein neues Leben aufgebaut und sind von Berlin nach München gezogen.
Wie ging es dann weiter?
Oliver Neumann: Da gab es ein paar Jahre nur den dreiwöchigen Urlaub in unterschiedlichen Ländern: Argentinien, Iran, Neuseeland, Laos, Mexiko, Guatemala – mittlerweile haben wir ein bisschen den Überblick verloren. Als sich meine berufliche Situation verschlechtert hat und erste Anzeichen von Burnout erkennbar waren, stand für mich fest: Das ist es mir nicht wert. Deshalb haben wir uns 2018 entschieden, noch mal loszuziehen.
Was hat Sie nach Kassel verschlagen?
Oliver Neumann: Dagmar kommt aus Guxhagen, deshalb haben wir uns entschieden, unsere Sachen in Kassel einzulagern und unseren Wohnsitz hier zu melden. Wir leben derzeit in einer Einzimmerwohnung zur Zwischenmiete. Unsere Heimat bleibt die Welt.
Was gilt es bei einer längeren Reise zu beachten?
Oliver Neumann: Man sollte frühzeitig anfangen zu planen, und beginnen, die laufenden Kosten zu reduzieren.
Was ist unnötig?
Oliver Neumann: Eine sehr deutsche Eigenart ist, auf eine gewisse Sicherheit zu setzen. Viele Menschen sind nahezu überversichert. Wir haben beide lediglich eine Kranken-, eine Berufsunfähigkeits- und eine Haftpflichtversicherung. Auch das Auto muss versichert sein.
Worauf belaufen sich Ihre monatlichen Kosten?
Dagmar Neumann: Unser monatliches Budget auf Reisen ist je nach Land 1000 Euro für uns beide. Der Betrag ist inklusive der Versicherung, Benzin, Visa, Essen, eine Unterkunft, wenn man nicht im Auto übernachten kann. Und dazu kommen 300 bis 400 Euro laufende Kosten in Deutschland. Es können auch mal 1500 Euro werden, die versuchen wir aber nicht zu überschreiten.
Oliver Neumann: Wir hauen gerade Teile unserer Rente auf den Kopf, aber wir würden niemals unser ganzes Polster auflösen.
Wie sind die Reaktionen auf Ihren Lebensstil?
Oliver Neumann: Für viele, die uns schon länger kennen, war das keine große Überraschung. Natürlich wollen einen die Eltern in der Nähe haben, aber wir haben trotzdem ihre volle Unterstützung. Von Freunden gibt es selten Reaktionen wie „Du musst doch irgendwie gucken, wo du bleibst und was tun für deine Rente.“ Die meisten sagen: „Cool, was ihr macht, aber für uns wäre das nichts.“ Bei denen, die es gar nicht nachvollziehen können, da hinterfrage ich die Freundschaft. Ich finde nicht, dass man gleich leben muss, um befreundet zu sein.
Das war eine Entscheidung gegen die Karriere?
Oliver Neumann: Ja, auf jeden Fall.

Dagmar Neumann: Ich habe meinem Arbeitgeber in München ein Jahr vorher gesagt, was wir vorhaben. Bis zu dem Zeitpunkt war ich Leiterin im Projektmanagement. Kurzfristig hat sich entschieden, dass ich auch von unterwegs weiterarbeiten kann. Im Moment arbeite ich Teilzeit, einen Tag pro Woche.
Soll das bis zur Rente so bleiben?
Oliver Neumann: Es muss natürlich genügend Geld zum Leben reinkommen. Wir wollen einen gewissen Lebensstandard halten. Es gibt Menschen, für die ist das Allerwichtigste, unterwegs zu sein. Die sammeln teilweise Flaschen, um zu überleben. Das wäre nichts für uns.
Was ist für Sie ein gewisser Lebensstandard?
Dagmar Neumann: Man darf unsere Reisen nicht mit einem normalen Urlaub vergleichen. Einen Dauerurlaub würden wir uns nicht leisten können. Aber manchmal muss man sich auch was gönnen – wie beispielsweise eine Unternehmung, die Eintritt kostet. Wir gehen auch mal in ein Restaurant oder trinken einen Kaffee. Ab und zu sollte man die Möglichkeit haben, sich so etwas zu leisten, und nicht jeden Pfennig umdrehen müssen.
Das klingt aber auch ein bisschen luxuriös ...
Dagmar Neumann: Vielleicht ist der falsche Eindruck entstanden. 1000 Euro monatlich bedeuten täglich 30 Euro für zwei Personen. Davon ist nicht sehr viel Luxus möglich, auch wenn natürlich die meisten von uns bereisten Länder ein niedrigeres Preisniveau als Deutschland haben.
Erleben sie auf Reisen die Entspannung, die andere im Urlaub haben?
Oliver Neumann: Was wir machen, ist eine Reise und kein Urlaub, das muss man deutlich unterscheiden. Natürlich stellt sich irgendwann ein gewisser Alltag ein. Wir müssen jeden Tag schauen, wo wir übernachten oder wo wir einkaufen. Dagmar Neumann: Man weiß nicht, was einen erwartet oder wo man abends landet – das macht es spannend. Wenn man im Urlaub irgendwohin fährt, dann versucht man, sein Programm so voll wie möglich zu packen. Würden wir das so machen, wären wir nach drei Monaten völlig fertig, weil wir die Eindrücke nicht mehr verarbeiten könnten. Der Körper reist zwar weiter, aber das Hirn kommt nicht mehr mit. Wir gönnen uns deshalb auch bewusst Pausen vom Reisen.
Warum reisen Sie mit dem Auto?
Oliver Neumann: Es ist im Vergleich zum Rucksack noch mal ein großer Schritt, der Vor- und Nachteile hat. Der Nachteil ist, dass man einen teuren Klotz am Bein hat, auf den man immer aufpassen muss. Wenn man das außer acht lässt, ermöglicht das Auto eine enorme Freiheit. Zugleich haben wir einen gewissen Luxus. Man hat sein Zuhause dabei und kann in seinem eigenen Bett schlafen.

Dagmar Neumann: Man kommt an Stellen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen sind. Das Gefühl, weit draußen zu sein, in der Wildnis zu stehen und diese unglaublichen Orte zu sehen, das ist einfach einzigartig.
Wie lassen sich unberührte Natur und eine Autoreise vereinen?
Oliver Neumann: Wir hinterlassen alle Orte so, wie wir sie vorgefunden haben. Es ist uns bewusst, dass gar nicht hinfahren umweltverträglicher wäre. Allerdings stehen wir mit dem CO2-Fußabdruck, den wir erzeugen, im Vergleich zu dem, den wir Zuhause erzeugt hätten, nicht so schlecht da. Wir sind auf unserer Reise durch Zentralasien in 13 Monaten 33 000 Kilometer gefahren. Das entspräche bei 238 Arbeitstagen (220 pro Jahr) einer Fahrtstrecke von 138 Kilometern täglich, also pro Person rund 70 Kilometer. Es gibt viele Pendler, die mehr fahren müssen und die zusätzlich in den Urlaub fliegen.
Dagmar und Oliver Neumann auf dem Tadschikistan-Pamir-Highway.

Nachdem Dagmar und Oliver Neumann 2018 mit ihrem umgebauten Ford Ranger Pick-up in Zentralasien unterwegs waren, sind sie Anfang dieses Jahres Richtung Afrika gestartet, bis dahin kamen sie nicht. Aber von vorn: Ursprünglich sollte es mit dem Frachtschiff von Italien nach Israel gehen, über Jordanien nach Saudi-Arabien und von dort mit der Fähre in den Sudan. Dann wollten die Neumanns die Ostküste Afrikas entlangfahren. „Eigentlich wären wir jetzt in Uganda“, sagt Dagmar Neumann. Ende Februar war das Paar, das derzeit in Kassel lebt, in Jordanien als es von den ersten Grenzschließungen wegen des Coronavirus hörte. „Wir haben von Reisenden gehört, die gerade noch den Iran verlassen konnten.“ Ein Touristenvisum in Saudi-Arabien gilt drei Monate, das erschien den Neumanns eine gute Option.

Bei der Einreise wurden sie von einem Arzt befragt. „Dann erlebten wir noch zehn unbeschwerte Tage“, schildert es Dagmar Neumann. Ab dem 10. März seien dann immer mehr Grenzen geschlossen worden. Es gab eine Ausgangssperre und die Bewegungsfreiheit wurde immer weiter eingeschränkt. „Bekannte, die wir in Saudi-Arabien kennengelernt hatten, hatten uns angeboten, dass wir in ihrem Haus in den Bergen bleiben konnten“, sagt Oliver Neumann. „Das Angebot haben wir erst mal angenommen – und sind vier Wochen geblieben.“ Dann entschieden sich die Neumanns aber doch, nach Deutschland zurückzufliegen und ihr Auto vorerst zurückzulassen. „Wir wollten die Gastfreundschaft nicht unendlich ausnutzen“, sagt Dagmar Neumann. Das Problem der Neumanns ist allerdings, dass ausländische Fahrzeuge nicht unbegrenzt im Land bleiben dürfen. „Wir haben schon von Leuten gehört, deren Fahrzeuge beschlagnahmt und vernichtet worden sind.“ Die Neumanns sind aber optimistisch, dass sie ihren umgebauten Pick-up in einigen Monaten abholen können.

Denn zurück nach Saudi-Arabien wollen sie auf jeden Fall noch mal. „Wir haben bislang sehr herzliche Menschen kennengelernt, aber noch nicht viel von dem Land gesehen.“ Ob sie ihre Entscheidung, dauerhaft zu reisen, jemals bereut haben? „Auf keinen Fall.“

Zu den Personen: Dagmar (42) und Oliver Neumann (46) haben sich 2010 das erste Mal entschieden, ihren gewohnten Alltag für ein Jahr aufzugeben und eine längere Reise zu machen. Seit 2018 sind die Projektmanagerin, die aus Guxhagen stammt, und der Ingenieur, der gebürtig aus Augsburg kommt, dauerhaft mit einem umgebauten Auto unterwegs. Sie haben sich bewusst für das Reisen und gegen Karriere und Familiengründung entschieden. Derzeit hat das Paar coronabedingt seinen Wohnsitz in Kassel.

Ihre Reiseeindrücke schildern die Neumanns auf ihrem Blog: goneforadrive.com (Von Kathrin Meyer)

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