Kasseler Dozent beschäftigt sich mit traditionellem deutschem Liedgut – Moderne Aufführung mit Studenten

Unsere Volkslieder verstummen

Kaum einer kennt mehr als die erste Strophe: Die traditionellen Volkslieder wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ geraten in Vergessenheit. Foto: dpa

Kassel. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Im Märzen der Bauer“ und „Kein schöner Land“: Manch einer hat zu diesen Liedern zwar noch eine Melodie im Kopf. Aber mehr als die erste Strophe solcher Volkslieder können die wenigsten singen. Vor allem jüngere Generationen kennen das traditionelle deutsche Liedgut kaum, sagt Volker Schindel, Dozent für musikalisch-szenische Projektarbeit am Institut für Musik. Mit zwölf Studenten hat er sich zwei Semester lang mit dem Thema beschäftigt und eine Aufführung erarbeitet.

„Das Stichwort Volksmusik verbinden viele mit Fernseh-Sendungen wie dem Musikantenstadl und den Shows von Florian Silbereisen und Co.“ Diese Musik komme aber eher Schlager oder Pop nahe, sagt Schindel – vor allem, was die mediale Inszenierung und Vermarktung angehe. Wirkliche Volkslieder hingegen zeichneten sich gerade dadurch aus, dass sie nicht an eine Aufführung gebunden sind, sondern im Alltag gesungen werden: zum Einschlafen, bei der Arbeit oder auch beim Wandern. So sind sie seit Jahrhunderten mündlich, also singend, weitergegeben worden.

Die heute ständige Verfügbarkeit von Liedern im Radio, im Internet und auf digitalen Abspielgeräten sei einer der Gründe, warum Volkslieder zunehmend in Vergessenheit geraten sind, sagt der Musiker und Dozent. „Der Bauer würde heute eher Musik auf dem MP3-Player hören, als mit seinen Kollegen zu singen.“ Und ein Großteil der aktuellen Lieder sei auf Englisch.

Die Deutschen hätten zudem ein besonders gebrochenes Verhältnis zu ihren traditionellen Weisen. „In keinem anderen Land werden so viele Menschen die Nase rümpfen, wenn es um Volksmusik geht.“ Das liege am Missbrauch vieler deutscher Lieder während des Dritten Reichs. Allein die Begriffe „Volk“ oder das „Nationale“ seien seitdem belastet.

In den NS-Liederbüchern hätten sich nicht nur kämpferische und nationalistische Lieder befunden, sondern auch eigentlich „unschuldige Lieder“, die für die Nazi-Ideologie herhalten mussten, sagt Schindel. „Muss i denn zum Städtele hinaus“ wurde so pervertiert: Deportierte Juden wurden gezwungen, es in einer Abwandlung zu singen.

Etwa ein Jahrhundert zuvor hatten die Volkslieder ihre Blüte: in der Romantik mit ihrer Hinwendung zum Einfachen, Ursprünglichen und der eigenen Geschichte. Ähnlich wie die Brüder Grimm Märchen sammelten, um sie zu bewahren, schrieb Johann Gottfried Herder Ende des 18. Jahrhunderts traditionelle Lieder auf und prägte erstmals den Begriff „Volkslied“.

Eine ungewöhnliche Herangehensweise an deutsche Lieder hat Schindel mit seinen Studenten genommen. Zwei Semester lang haben sie in einem Projektseminar das Thema beleuchtet und eine Aufführung erarbeitet. Dabei haben sie die traditionellen Weisen gegen den Strich gebürstet und verfremdet, um sie damit neu zu entdecken. Der Liederabend der anderen Art findet am Donnerstag, 23. Januar, statt. ARTIKEL LINKS

Von Katja Rudolph

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