Straße in Kasseler Unterneustadt wird umgewidmet

Warum aus der Arndtstraße die Arndtstraße wird

Die Arndtstraße soll künftig nach Ilse Arndt benannt werden.
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Die Arndtstraße soll künftig nach Ilse Arndt benannt werden.

Die Arndtstraße in der Unterneustadt ist an sich schon ganz interessant, auch wenn sie bisher keine Berühmtheit erlangt hat. Es gibt zumindest langweiligere Straßen. Zumal nun ein Kuriosum dazukommt: Aus der Arndtstraße wird nämlich die Arndtstraße, und die Frage ist: Was ist denn da los?

Unterneustadt - Die Sache ist die: Die Arndtstraße ist nach Professor Ernst Moritz Arndt benannt, einem Schriftsteller und Historiker, der von 1769 bis 1860 gelebt hat – ein bekannter Lyriker. Das Problem: Es handelt sich um eine sehr widersprüchliche Persönlichkeit. In einem Schreiben der Stadt Kassel an den Ortsbeirat mit näheren Informationen zu der Angelegenheit heißt es: „Einerseits gilt er als Vorkämpfer für Demokratie und soziale Gerechtigkeit, andererseits wird er als völkischer Nationalist gesehen.“ Es seien zahlreiche Äußerungen Arndts überliefert, die aus heutiger Sicht völkisch und deutlich antisemitisch oder antifranzösisch seien.

Die Informationen nehmen auch Bezug auf die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Remscheid. Demnach gingen Arndts Auffassungen etwa gegen Juden, Franzosen und Polen weit über das hinaus, was zu jener Zeit in national gesinnten Kreisen üblich gewesen sei.

Fazit: „Nach Prüfung des Sachverhalts durch die Stadt Kassel ist festzustellen, dass viele Zitate von Ernst Moritz Arndt aus heutiger Sicht nicht akzeptabel sind.“ Daher die Empfehlung des Stadtarchivs und des Amtes für Vermessung und Geoinformation, den Namenspaten der Straße zu ändern.

Was aber tun, da der bürokratische Aufwand bei einer Umbenennung in der Regel sehr hoch ist? Allein schon die Adresse vieler Anwohner würde sich bei einem neuen Straßennamen ändern. Das wäre kompliziert und teuer. Die Lösung: eine Umwidmung, so der Vorschlag der Stadt. Die Straße soll weiterhin Arndtstraße heißen, aber nach Ise Arndt benannt sein, einer jüdischen Zeitzeugin, die 1943 von Berlin aus ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Als Überlebende des Holocausts gilt sie als wichtige Zeitzeugin. In der Empfehlung der Stadt heißt es: „Aufgrund ihrer Biografie ist eine Ehrung von Ilse Arndt im Rahmen der Erinnerungskultur angemessen.“

Der Ortsbeirat stimmte nun in seiner jüngsten Sitzung für die Umwidmung. Aus der Arndtstraße, benannt nach Ernst Moritz Arndt, wird somit die Arndtstraße, benannt nach Ilse Arndt. Ein Kniff, der bereits im Wiener Stadtbezirk Meidling zur Anwendung kam.

Ortsvorsteherin Kerstin Linne findet die Entwicklung gut: „Ein wichtiger Aspekt hierbei ist, ein Zeichen zu setzen gegen den erstarkenden Rechtsextremismus“, sagt sie. Jetzt müssen nur die Zusätze der Straßenschilder ausgetauscht werden. Der Ortsbeirat äußerte den Wunsch, bei der Gestaltung einbezogen zu werden. (von Sabine Oschmann und Florian Hagemann)

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