Tafel für früheren Oberbürgermeister hängt in drei Meter Höhe

"Blamabel" und "ungeeignet": Gedenktafel an Karl-Branner-Brücke erntet viel Spott

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Er wollte sich selbst ein Bild machen: Dieser Mann aus Sandershausen war gestern zur Karl-Branner-Brücke gekommen, um den Schildbürgerstreich der Stadt zu bestaunen. Die Gedenktafel am Brückenpfeiler hängt in gut drei Meter Höhe.

Kassel. Sie soll zum Gedenken auffordern, sorgt aber eher für Hohn und Spott: Die Anbringung der Infotafel für den früheren Kasseler Oberbürgermeister Karl Branner unter der gleichnamigen Brücke hat viel Kritik ausgelöst.

Die Historiker, die die NS-Verstrickung von Branner aufgearbeitet hatten, bezeichnen die Gedenktafel als blamabel. Auch die zuständigen Ortsbeiräte halten den gewählten Ort für ungeeignet. Wie die HNA berichtete, wurde das Schild in drei Meter Höhe an einem Brückenpfeiler befestigt und ist so kaum les- und wahrnehmbar.

„Wenn die Stadt ein Schild an solch einem Ort in dieser Höhe anbringt, will sie offenbar nicht, dass es gelesen wird“, sagt Historiker Jens Flemming. Der Hamburger war als einer von vier Wissenschaftlern von der Stadt mit der Aufarbeitung von Branners Vergangenheit beauftragt worden. „Der Eiertanz und die Pirouetten, die die Kasseler Politik beim Thema Branner hingelegt hat, setzen sich jetzt bei der Anbringung der Gedenktafel fort“, sagt Flemming.

Der Text hängt in drei Meter Höhe: Die Historiker, die Branners NS-Vergangenheit aufgearbeitet hatten, halten ihn für eine Verharmlosung der Tatsachen. Branner war in mehreren NS-Organisationen führend tätig und schrieb seine Doktorarbeit bei einem Nazi.

Aber nicht nur der Ort sei eine Lachnummer, sondern auch der Inhalt der Tafel. Der vom Magistrat erarbeitete Text sei ein „Persilschein“ und eine „zweite Entnazifizierung“ des ehemaligen SPD-Oberbürgermeister und entspreche keinesfalls den Forschungsergebnissen der Historiker.

Die SPD sei offenbar nicht in der Lage, sich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, wie der NS-belastete Branner nach dem Krieg eine solche Karriere machen konnte. „Die Partei hat keine kritische Distanz zu ihrem Karle“, sagt Flemming.

Als „peinliche Realsatire“ bezeichnet Joachim Schleißing, Ortsvorsteher der Unterneustadt (Grüne), die Infotafel. Die Bürger müssten sich veralbert fühlen, wenn ein Schild so angebracht wird, dass niemand es wahrnehme. Der Platz unter der Brücke sei sicher nicht im Sinne einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Im Ortsbeirat werde das Thema nochmal behandelt.

Die zuständigen Ortsbeiräte Unterneustadt und Mitte waren gegen die Anbringung einer Gedenktafel und für die Umbenennung der Karl-Branner-Brücke. Christof Stefaniak, Ortsvorsteher von Mitte (Grüne), hält den gewählten Ort ebenfalls für ungünstig: „Die Tafel hätte man sicher niedriger hängen können.“

Die Stadt hatte das Schild deshalb so hoch angebracht, weil sie Vandalismusschäden fürchtete. Wäre die Tafel auf der Brücke befestigt worden, wäre sie gut lesbar, aber in Reichweite der Passanten gewesen. Das sollte offenbar vermieden werden.

Prof. Dietfrid Krause-Vilmar, der als Historiker ebenfalls an den Forschungen zu Branners NS-Vergangenheit beteiligt war, bezeichnet das Vorgehen der Stadt als „komödiantenhaft“. Leider sei das Thema zu ernst, um darüber zu lachen. Denn die Stadt habe auf ihrer Infotafel für Branner die Forschungsergebnisse verdreht.

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