Nachweis ist jedoch nicht nötig

Bootsanleger-Bau in Kassel: Investor muss Blindgänger suchen lassen

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Zwei von vier dicken Pfählen stehen schon: Vor Beginn der Arbeiten habe eine Bombensuche stattgefunden, sagt der Bauherr.

Kassel. Wurde die Flussbaustelle des umstrittenen Bootsliegeplatzes in der Unterneustadt vor Beginn der Arbeiten auf Weltkriegsbomben untersucht? Auch darüber gibt es behördliche Unklarheiten.

Auf Nachfragen von Stadtteilbewohnern teilte am Mittwoch der Kampfmittelräumdienst beim Regierungspräsidium (RP) Darmstadt mit: Der private Bauherr habe dort bereits 2011 angefragt, ob er verpflichtet sei, das Uferstück auf Blindgänger untersuchen zu lassen. Laut Gerhard Gossens, Leiter des Kampfmittelräumdienstes, hatte die Behörde dies damals bejaht. Es lägen dort aber keine Informationen vor, dass der Bauherr dieser Pflicht auch nachgekommen sei.

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„Ich gehe davon aus, dass die Beteiligten dies jetzt klären werden“, schrieb Gossens. Damit könnten auch Genehmigungsbehörden bei der Stadt Kassel gemeint sein, die sich auf Anfragen zu dem Vorhaben weiterhin nicht äußert. Zurzeit ruhen die Arbeiten am Fuldaufer – zu zwei bereits gesetzten dicken Pfählen sollen zwei weitere hinzukommen. Das Thema Bombensuche ist aber offenbar nicht der Grund für den Baustillstand.

Auf Anfrage der HNA sagte Bauherr Hans-Georg Grone, er habe schon vor Längerem eine Firma beauftragt, nach Blindgängern zu suchen. Darüber gebe es auch Unterlagen, es seien keine Bomben gefunden worden. Warum diese Erkenntnisse dem RP Darmstadt nicht vorliegen, „das weiß ich jetzt gar nicht“, sagte Grone. Er werde mit der Behörde sprechen.

Information ist freiwillig

Dies war bereits geschehen, als die HNA beim RP Darmstadt nochmals um Aufklärung bat: Grone wolle seine Unterlagen dort in den nächsten Tagen zur Verfügung stellen, sagte RP-Sprecher Dieter Ohl und stellte klar: „Wir bitten zwar darum, dass man uns über das Ergebnis informiert, es ist aber keine gesetzliche Verpflichtung, es so zu machen.“

Nach Angaben Ohls trägt ein Bauherr in kritischen Gebieten wie Kassel die Verantwortung, dass das betreffende Baugelände auf Blindgänger untersucht wird. Er müsse solche Arbeiten selbst beauftragen und auch bezahlen. Sollte Kriegsmunition entdeckt werden, informiere die Fachfirma „automatisch“ den Kampfmittelräumdienst, der dann auf Kosten des Landes für die Entschärfung und Beseitigung sorge. Das baurechtliche Verfahren selbst sei aber nicht Sache des RP, daher verhänge die Behörde auch keine Baustopps, sagte Ohl.

Zu seinen Plänen mit dem Liegeplatz und zu Gerüchten, dort solle ein Hausboot hinkommen, sagte Hans-Georg Grone weiterhin nichts Genaues – außer: „Warten Sie es ab.“ Mit Blick auf Kasseler, die das Vorhaben kritisch sehen, teilte er kräftig aus: „Es ist nicht mein Problem, wenn die Leute hier so kleinkariert sind.“ Er finde es „peinlich“, was er an Reaktionen lese: „Und so was wollte Kulturhauptstadt werden!“

Das rote Gummiboot habe er übrigens selbst an den mächtigen Pfählen angebunden, erzählte Grone. Seinen Äußerungen zufolge ist dies wohl als stummes Statement des Investors gemeint, dass am Zollmauerpark ein recht unspektakulärer Freizeitboot-Liegeplatz entstehe.

Hintergrund: Blindgänger sind Problem auf vielen Kasseler Baustellen

Während des Zweiten Weltkriegs ist auf Kassel als ein Zentrum der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie ein wahrer Bombenregen niedergegangen. Allein in der Zerstörungsnacht vom 22. Oktober 1943 fielen mehr als 400.000 Bomben auf die Stadt. Nach Einschätzung von Experten sind 10 bis 30 Prozent aller abgeworfenen Weltkriegsbomben nicht detoniert.

In Kassel werden bei nahezu jeder größeren Bauaktivität nach wie vor Blindgänger gefunden – zuletzt etwa beim Bau des neuen Auebades. Aus Sicherheitsgründen hat die Stadt jetzt verfügt, dass im August die traditionelle Wehlheider Kirmes nicht auf dem Stockplatz stattfinden kann. Grund sind Bedenken des hessischen Kampfmittelräumdiensts, dass Erschütterungen durch Fahrgeschäfte und schwere Lkw Blindgänger im Boden zum Explodieren bringen könnten. Der Platz soll nun zunächst auf Kriegsmunition untersucht werden.

Für Hessens Gewässer hat es bis heute erst wenige solcher Untersuchungen gegeben. Ein mehrere 100 Meter langer Teilabschnitt der Fulda nahe der Schwimmbadbrücke wurde 2011 und 2012 unter die Lupe genommen, nachdem dort verdächtige Blasen aufgestiegen waren. Bei der ersten Aktion fanden Taucher eine 15 Kilogramm schwere Phosphorbombe.

Von Axel Schwarz

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