Anordnung des Kasseler Amtsgerichtes

Dubiose Geschäfte: Glashäuser am Kreisel werden zwangsversteigert

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Um diese Immobilien am Platz der Deutschen Einheit geht es: Das vordere Eckgebäude Leipziger Straße 35/37 hat der bisherige Eigentümer für die Stadt Kassel zum Flüchtlingswohnheim umgebaut. Aktuell leben dort 120 Bewohner. Das andere Hochhaus Dresdener Straße 1 wird von Firmen genutzt.

Kassel. Wegen eines faulen Immobilien-Deals ist das Betriebsmodell für Kassels zweitgrößtes städtisches Flüchtlingswohnheim  ins Zwielicht geraten: Für das Gelände mit den beiden Glas-Hochhäusern am Kreisel hat das Amtsgericht Kassel jetzt die Zwangsversteigerung angeordnet.

In einem der Gebäude sind derzeit 120 Flüchtlinge untergebracht, in dem anderen Haus sind verschiedene Gewerbebetriebe ansässig.

Eigentümer des 5800 Quadratmeter großen Areals und Vertragspartner der Stadt bei der Flüchtlingsunterbringung ist der Unternehmer Reshat Sokoli mit seiner Firma City-Invest-Immobilien. Geschäftspartner vermuten, dass Sokoli in größeren finanziellen Schwierigkeiten steckt. Laut seinem Büro hält er sich derzeit im Ausland auf.

„Uns hat er immer wieder vertröstet und auf schriftliche Forderungen nie reagiert“, sagt Günther May aus dem rheinischen Erftstadt. May hat über seinen Anwalt die Zwangsversteigerung der Liegenschaft am Kreisel auf den Weg bringen lassen. Der Stein des Anstoßes liegt allerdings nicht in Kassel, sondern im ostwestfälischen Brakel.

Dort steht das „Hotel am Kaiserbrunnen“ seit Jahren leer und wurde durch einen Makler angeboten. Im Februar 2016, so berichtet Eigentümer May, habe Sokoli nach sehr kurzem Entscheidungsvorlauf einen Kaufvertrag für das Objekt unterschrieben. Dieser Vertrag hat ihn verpflichtet, bis 29. Februar 2016 den Kaufpreis in Höhe von knapp 800.000 Euro vollständig zu bezahlen und seit 1. März 2016 für alle laufenden Kosten der Immobilie in Brakel aufzukommen.

Seit dem Notartermin habe der Kasseler Unternehmer aber nichts von seinen Verpflichtungen erfüllt, berichtet May. Er habe im Spätherbst 2016 dann Strafanzeige gegen Sokoli wegen Betruges erstattet, da er davon ausgehe, dass sein Vertragspartner bei Geschäftsabschluss nicht über die erforderlichen Geldmittel verfügte. Seine Forderungen lässt er seither durch den Berliner Immobilienanwalt Dr. Christoph Ammer verfolgen. „Herr Sokoli verweigert sich und geht in Deckung“, resümiert der Jurist.

Jetzt soll die Zwangsversteigerung der Immobilien am Kreisel das nötige Geld abwerfen zur Deckung von Sokolis geplatztem Hotel-Deal in Brakel. Im Kontext des Verfahrens am Amtsgericht Kassel wird interessanterweise offenbar, dass die Stadt Kassel die monatlichen Geldbeträge für die Unterbringung der Flüchtlinge von Anfang an gar nicht an den formellen Unterkunftsbetreiber Sokoli geleistet hat.

Vielmehr fließen die Zahlungen aus dem Rathaus – pro Monat wohl ein ordentlich fünfstelliger Betrag – an ein Unternehmerpaar aus Troisdorf bei Bonn, das offenbar als Finanziers hinter Sokolis Immobilien-Aktivitäten am Kreisel steht. Der HNA liegt eine entsprechende Abtretungserklärung vor, die bereits vom Januar 2016 datiert und bei der Stadt geltend gemacht wurde.

Auf Anfrage der HNA wollten sich die Geldgeber nicht zu der Sache äußern und ließen auf Reshat Sokoli verweisen. Auch bei dessen Firma City-Invest-Immobilien lief eine Bitte um Stellungnahme ins Leere.

Das sagt die Stadt Kassel: "Keine Nachteile für Flüchtlingsbetreuung"

Die Kasseler Stadtverwaltung hat nach Angaben von Rathaussprecher Sascha Stiebing derzeit keine Befürchtungen, dass sich der finanzielle Streit um die Immobilien am Kreisel nachteilig auf die Menschen auswirkt, die in dem dortigen Flüchtlingswohnheim untergebracht sind. Nach Kenntnis der Stadt laufe der Betreuungsbetrieb in der zweitgrößten Kasseler Einrichtung dieser Art reibungslos und ohne Klagen oder Beschwerden, sagte Stiebing.

Er wies darauf hin, dass es erfahrungsgemäß noch einige Monate dauern werde, bis nach dem jetzt ergangenen Beschluss des Amtsgerichts ein konkreter Termin für eine Zwangsversteigerung anberaumt würde. Inzwischen jedoch „besteht immer noch die Möglichkeit, dass sich die Verfahrensbeteiligten einigen“, sagte der Rathaussprecher.

Falls dennoch die Eigentümerschaft des Geländes in einigen Monaten wechseln sollte, „haben wir genügend Optionen, wo wir die Bewohner anderweitig unterbringen können“, sagte Stiebing. Weil zuletzt immer weniger Flüchtlinge angekommen sind, stehen im Kasseler Stadtgebiet nach jüngsten Zahlen mehr als 800 Unterkunftsplätze leer. Das Wohnheim am Kreisel, im Vorjahr für maximal 280 Menschen ausgebaut, ist mit momentan 120 Bewohnern gerade einmal zu 43 Prozent ausgelastet.

Die Geldgeber im Hintergrund

Auf die Liegenschaft am Kreisel sind Grundbuchschulden von mehr als 15 Millionen Euro zugunsten des Unternehmerpaars Hans-Josef Orth und Viola Metzner aus Troisdorf eingetragen. In welcher Geschäftsbeziehung sie zu Reshat Sokoli stehen, ist in einer Abtretungserklärung bezeichnet, die bei der Stadt Kassel geltend gemacht wurde. Daraus geht hervor, dass Orth und Metzner sich als Investoren bei der „Finanzierung der Gebäude und Umbaufinanzierung“ engagiert haben. 

Die Troisdorfer sind in der Region keine Unbekannten. 1993 hatten Hans-Josef Orth und Viola Metzner den Automobilindustrie-Dienstleister Formel D gegründet, der auch für Volkswagen tätig ist und im Industriepark Kassel-Waldau jährlich etwa 20.000 Neuwagen für Baunataler Werksangehörige auslieferungsfertig macht.

2013 zogen sich Orth und Metzner als Geschäftsführer bei Formel D zurück und wurden auf anderen Geschäftsfeldern aktiv. So stiegen sie 2014 beim Schwalmstädter Schuhhersteller Rohde als neue Eigentümer ein – dieses Unternehmen steht seit Herbst 2016 aktuell unter Insolvenzverwaltung.

Auch bei der von ihnen finanzierten Kasseler Liegenschaft am Kreisel sind Orth und Metzner derzeit nicht Herren des Verfahrens. Durch die gerichtliche Anordnung zur Zwangsversteigerung sowie wegen Sicherungshypotheken, die ein Gläubiger des formellen Eigentümers Reshat Sokoli ins Grundbuch eintragen ließ, kann das Gelände derzeit nicht ohne Weiteres frei verkauft werden.

Vorübergehend hatte ein Berliner Makler das Gelände am Kasseler Kreisel im Portfolio gehabt– zum Angebotspreis von gut 19 Mio. Euro.

"Mal aus Polen, mal aus Dubai"

Welche Absichten Reshat Sokoli mit dem vertraglichen Erwerb des Hotels am Kaiserbrunnen in Brakel (Ostwestfalen) verfolgt hat, darüber ist derzeit von ihm selbst keine Auskunft zu erhalten. Öffentlich hat er sich vor Ort nie dazu geäußert und auch kein Konzept vorgelegt, berichten lokale Medien.

Diesen Angaben zufolge hatte sich aber gleich nach dem Vertragsabschluss vor einem Jahr die Brakeler Stadtverwaltung klar positioniert, dass sie sich keine Unterbringung von Flüchtlingen in der Hotelanlage vorstellen könne.

Inwieweit dies Einfluss auf Sokolis Bereitschaft gehabt hat, den Kaufvertrag zu erfüllen, bleibt Spekulation. Der Kasseler habe eigentlich angekündigt, den Kaufpreis von knapp 800.000 Euro in bar bezahlen zu wollen, berichtete Hoteleigentümer Günther May: „Mal sollte das Geld aus Polen kommen, mal aus dem Kosovo, mal aus Dubai.“

Beim Ausbau seines Flüchtlingswohnheims am Kreisel in Kassel hatte Sokoli Ende Mai 2016 öffentliches Aufsehen erregt, als der Zoll bei Schwarzarbeitskontrollen 20 illegale Arbeiter aus Serbien festgenommen hatte. Er habe sich auf das beauftragte Bauunternehmen verlassen, sagte Sokoli damals gegenüber der HNA.

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