Nach Millionen-Deals 

Betreiber von Flüchtlingsunterkunft in Kassel ist in Schwierigkeiten

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Die Glasgebäude befindet sich an der Leipziger Straße am Platz der Deutschen Einheit. 

Kassel. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle ab 2015 wurden auch in Kassel Gebäude zur Unterbringung von Zuwanderern händeringend gesucht. Da witterte mancher das große Geschäft.

So auch der Kasseler Unternehmer Reshat Sokoli, dem die beiden Glashochhäuser am Platz der Deutschen Einheit gehören – noch, muss man sagen. Denn das Amtsgericht Kassel bereitet gerade die Zwangsversteigerung des gesamten Geländes vor. Bei Geschäftspartnern soll Sokoli Schulden in Millionenhöhe haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die der HNA vorliegen.

Von stillen Geldgebern hat sich Sokoli für Erwerb und Umbau der Liegenschaft 15 Millionen Euro geliehen, die jetzt als Grundbuchschuld auf den Häusern lasten. Begünstigte sind die Troisdorfer Unternehmer Hans-Josef Orth und Viola Metzner, die früheren Inhaber des Autoindustrie-Dienstleisters Formel D.

Sobald Kassels zweitgrößtes Flüchtlingsheim den Betrieb aufgenommen hatte, floss üppig das Mietgeld von der Stadt. Das inspirierte Reshat Sokoli wohl, seine Geschäfte auf diesem Feld auszuweiten: Im Jahr 2016 unterschrieb er einen Kaufvertrag für eine leerstehende Hotelanlage im ostwestfälischen Brakel. In der Folge stellte sich dann heraus, dass die Stadt Brakel in dem Haus keinesfalls ein Flüchtlingsheim haben wollte. Sokoli machte daraufhin niemals Anstalten, seine Vertragsverpflichtungen über anfangs knapp 800.000 Euro finanziell zu erfüllen.

Die Verkäuferin, die Erftstädter Firma AGX Immobilien, sieht sich geprellt und versucht den Kasseler Unternehmer seit eineinhalb Jahren in Haftung zu nehmen. „Sokoli war nie an einer Lösung interessiert“, klagt AGX-Geschäftsführer Günther May. Seine Firma hat den Zwangsversteigerungsantrag für die Häuser am Kasseler Kreisel auf den Weg gebracht, um auf diesem Weg an ihr Geld zu kommen.

Wohl um aus seinem Schuldendilemma herauszukommen, versucht sich Reshat Sokoli mit anwaltlicher Hilfe darauf zu berufen, er sei bei Abschluss des Kaufvertrags in Brakel wegen einer „krankhaften Störung der Geistestätigkeit“ nicht geschäftsfähig gewesen und somit nicht haftbar zu machen. Was so eine Argumentation für jene Verträge bedeuten würde, die Sokoli zeitnah mit der Stadt Kassel geschlossen hat, ist eine interessante Frage.

Sein Bruder Bajram Sokoli hat sich Ende September vom Amtsgericht Kassel zu Reshat Sokolis rechtlichem Betreuer bestellen lassen. In geschäftlichen Dingen indes handelt Bruder Bayram bereits seit 2009 per notariell beglaubigter Vollmacht als Vertreter Reshat Sokolis. Und auch für dessen Firma City-Invest-Immobilien, mit der die Stadt Kassel nach wie vor Geschäfte zur Flüchtlings-Unterbringung macht.

Um diese Häuser am Platz der Deutschen Einheit geht es: Das vordere Eckgebäude Leipziger Straße 35/37 wird für die Stadt Kassel als Flüchtlingswohnheim betrieben. Das andere Hochhaus Dresdener Straße 1 wird von Firmen genutzt.

Die städtischen Mietzahlungen von monatlich über 83.000 Euro landen allerdings weder bei Bayram noch bei Reshat Sokoli. Dessen Finanziers Orth und Metzner legten der Stadt nach Betriebsstart des Flüchtlingsheims am Kreisel eine Abtretungserklärung vor, wonach alles Mietgeld direkt an sie zu überweisen sei. Auf Vorstöße von Gläubigern Reshat Sokolis teilte die Stadt Kassel mit, dass dessen „Forderungen bereits wirksam abgetreten wurden“.

Vom Büro der Geldgeber wie auch von den Sokolis blieb eine Bitte der HNA um Stellungnahme ohne Antwort.

Ärger mit Investor Reshat Sokoli in Heiligenrode

Der Gemeinde Niestetal hat Reshat Sokoli als Bau-Investor jahrelangen Ärger beschert: In Heiligenrode wollte Sokoli auf zwei Grundstücken Mehrfamilienhäuser errichten. Er ließ Gruben ausheben und Fundamente errichten, dann aber vermüllte das Areal seit 2013, ohne dass sich etwas tat. Inzwischen hat ein Gericht entschieden, dass die Gemeinde den Grundstücksverkauf rückgängig machen darf. Da Sokoli für den Rückbau des Geländes haften muss, dürfte ihm vom zu erstattenden Kaufpreis nichts übrig bleiben. 

Karte: Das Gebäude, das als Flüchtlingsheim genutzt wurde, befindet sich am großen Kreisel an der Leipziger Straße 35-37 in Kassel. 

Stadt Kassel kann Vertrag nicht lösen

Die Stadt Kassel erwartet von ihren Vertragspartnern, dass sie geschlossene Verträge einhalten“, sagt Rathaus-Sprecher Claas Michaelis. Im Betreibervertrag für das Flüchtlingsheim am großen Kreisel sei geregelt, dass eine Vermietung an Dritte – etwa Kassel-Touristen – ohne die ausdrückliche Zustimmung der Stadt nicht gestattet ist. „Daran hat sich Herr Sokoli in der Folge nicht gehalten, deswegen werden wir ihm eine Abmahnung zustellen.“

Gestattet habe die Stadt lediglich für die Zeit der documenta, dass die Betreiber in leerstehenden Teilen des Hauses Hostel-Betten anbieten dürfen, sagte Michaelis. Allerdings werden in dem Flüchtlings-Haus auch aktuell noch Übernachtungsquartiere in Mehrbettzimmern und Schlafsälen auf den Internet-Plattformen Airbnb, Wimdu und Booking.com angeboten. Auch im Oktober lief das Vermietungsgeschäft, wie sich im Netz nachvollziehen lässt.

Dass auch nach der documenta weiter vermietet werde, sei eine Vertragsverletzung, sagte der Rathaus-Sprecher. Dieser Verstoß sei aber nicht so schwerwiegend, dass er eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen würde. Auch die Veröffentlichung der Vertragsdetails im Netz reiche nicht für eine Kündigung aus.

„Grundsätzlich kommt Herr Sokoli seinen vertraglichen Pflichten als Vermieter nach“, sagte Michaelis. Ein Verkauf oder eine Zwangsversteigerung der Immobilie, die vom Amtsgericht bereits im Februar dieses Jahres angeordnet worden war, hätte zunächst keine Auswirkungen auf die Gültigkeit des Mietvertrags; er liefe mit einem neuen Eigentümer weiter. Die Stadt habe in diesem Fall kein außerordentliches Kündigungsrecht. 

Kasseler Flüchtlingsheim bei Immowelt

"Aus Diskretionsgründen kein Bild“ stand über dem Immobilienangebot im Internetportal Immowelt. Und auch der Kaufpreis für das „kernsanierte Objekt mit langfristigen Mietvertrag“ wurde nicht preisgegeben, sondern war nur „auf Anfrage“ zu erfahren. Aus den im Angebot genannten Zahlen lässt sich aber berechnen, dass ein Käufer des als Flüchtlingsunterkunft genutzten Hauses an der Leipziger Straße 35-37 am großen Kreisel annähernd zwölf Millionen Euro auf den Tisch legen müsste. Es gibt im Internet übrigens immer wieder skurrile Wohnungsinserate.

Die von der Stadt gezahlte Mindest-Nettomiete liegt bei 800.000 Euro jährlich. Sofern der angepeilte Verkaufspreis bei rund zwölf Millionen Euro liegt, entspräche das etwa der genannten Netto-Rendite von 6,7 Prozent. Von einer Bank würde ein Investor, der über diese Summe verfügt, derzeit wegen der weiterhin historisch niedrigen Zinsen weitaus weniger Geld für sein auf einem Konto angelegtes Kapital bekommen.

Von den 83.500 Euro, die von der Stadt als Mindestmiete monatlich gezahlt werden, gehen Betreiberkosten in Höhe von rund 17.000 Euro im Monat ab, wurde im Immobilienangebot vorgerechnet. Das sind die Kosten für Hausmeister, Reinigung, Kleinreparaturen und Winterdienst. Macht eine Monats-Nettomiete von 66.500 Euro oder rund 800.000 Euro im Jahr.

Zum zweiten Gebäude, dem Geschäftshaus an der Dresdener Straße 1, das ebenfalls Reshat Sokoli gehört, sind keine Zahlen bekannt.

Über eine drohende Zwangsversteigerung der Immobilien ist noch nicht endgültig entschieden. Dass die Kreisel-Häuser unter den Hammer kommen, könnte möglicherweise durch den Verkauf des als Flüchtlingsunterkunft genutzten Gebäudes verhindert werden. Denn mit einem Teil des Erlöses könnte Sokoli seine Gläubiger aus dem geplatzten Hotel-Deal in Brakel befriedigen. Nach Informationen der HNA ist die Flüchtlingsunterkunft zwar noch nicht verkauft, aber es gibt wohl einen ernsthaften Kaufinteressenten.

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