Stapellauf von Rohbau des ungewöhnlichen Wohnschiffs

Dieses Hausboot soll auf die Fulda - Stadt Kassel streitet mit Investor

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Schwimmender Rohbau: Das Wohnschiff „Floating Germany“ nach dem Stapellauf in Tangermünde (Sachsen-Anhalt). In den kommenden Monaten wird das ungewöhnliche Wasserfahrzeug mit allerlei umwelttechnischen Finessen ausgebaut.

Kassel. Seit drei Jahren stockt der Weiterbau eines Hausboot-Liegeplatzes an der Fulda schräg gegenüber der Schlagd. Die Stadt Kassel will das Vorhaben verhindern und streitet sich mit dem Investor.

Der hat sein Wohnschiff nun bereits im Rohbau fertigstellen lassen.

Seit drei Jahren wundern sich Passanten an der Fulda gegenüber dem Rondell über einen halb fertiggebauten Schiffsanlegeplatz. An den Stahlpfählen, die dort in den Ufergrund gerammt wurden, möchte ein Unternehmer dauerhaft ein ungewöhnliches Wohnschiff anlegen, wie wir bereits berichteten. Doch das Vorhaben stockt, weil die Stadt Kassel mit den Plänen nicht einverstanden ist. Ungeachtet der laufenden Auseinandersetzung um den Liegeplatz ist der Rohbau des stattlichen Wasserfahrzeugs jetzt bei einer Werft in Tangermünde an der Elbe vom Stapel gelaufen.

Medien in Sachsen-Anhalt berichteten von der Taufe der „Floating Germany“, wie der Kasseler Ingenieur Hans-Georg Grone seine schwimmende Kreation nennt. Auf Anfrage der HNA war Grone derzeit nicht zu näheren Erläuterungen bereit, wie der Stand seines Vorhabens ist. Er sei für ein Telefonat zu beschäftigt und vertröstete auf einen Zeitpunkt „vielleicht in zwei, drei Wochen“. Zu erfahren war von ihm lediglich, dass es aktuell „Rechtsangelegenheiten“ mit der Stadt Kassel zu klären gebe.

Ingenieur aus Kassel: Hans-Georg Grone hat die Floating Germany konstruiert.

Beim Stapellauf (das Zu-Wasser-Lassen eines Schiffes) an der Elbe hatte Grone Journalisten gesagt, es dauere noch mindestens ein Jahr, bis das Schiff fertig ausgebaut sei und betreten werden könne. Auf die Frage der HNA, ob der Ausbau bei der Werft an der Elbe erfolge oder ob er das 20 mal 6 Meter große Hausboot dafür nach Kassel schaffen lasse, sagte der Unternehmer: Die Sache sei momentan „in einem Stadium, wo das noch nicht klar ist“.

Auf Fragen, ob auf seinem Schiff auf der Fulda auch gewohnt werden soll, hatte Grone in der Vergangenheit stets ausweichend geantwortet. Er bezeichnet seine Kreation als eine Art schwimmenden Technologieträger, auf dem er umwelttechnische Neuerungen zeigen und vermarkten wolle.

Die „Floating Germany“ soll nach seinen Angaben energie- und entsorgungstechnisch autark werden, also keine Kabel- und Leitungsverbindungen mit dem Ufer benötigen. Eine Strömungsturbine soll den Bordstrom liefern, eine Kleinkläranlage samt Bunker für verpresste Feststoffe einen Kanalanschluss entbehrlich machen. Und mittels Hydraulik sollen sich die Aufbauten absenken lassen, um Brücken passieren zu können, wenn das Schiff auf dem Fluss bewegt werden muss.

Dies alles hatte Grone Mitte 2014 skizziert und damals eine Investitionssumme von 1,2 Millionen Euro genannt.

Stadt will Liegeplatz verhindern

Auch der Ortsbeirat Unterneustadt hat vom Stapellauf des Hausboots erfahren und hat in seiner jüngsten Sitzung eine Anfrage an den Magistrat formuliert, wie der Stand der Auseinandersetzung zwischen der Stadt Kassel und Liegeplatz-Investor Grone ist.

Für die Stadt hat das Vorhaben einen peinlichen Hintergrund: Sie will nicht, dass mit der Verwirklichung von Grones Hausboot-Plänen in bester Flusslage ein Präzedenzfall geschaffen wird, hat dem Unternehmer aber dennoch – aus behördlicher Unachtsamkeit – zu einer rechtsgültigen Genehmigung verholfen.

Hier soll das Hausboot festgemacht werden: Der nicht fertig gebaute Liegeplatz am Zollmauerpark. Im Hintergrund die Schlagd.

Als Grone bereits 2011 beim Wasser- und Schifffahrtsamt – einer Bundesbehörde – um eine Genehmigung für seinen Liegeplatz nachsuchte, wurde in dem Verfahren von Amts wegen auch die Stadt Kassel beteiligt. Dort winkte die Untere Naturschutzbehörde den Vorgang durch – formal korrekt, doch stadtplanerisch ein böser Fehler, wie Stadtbaurat Christof Nolda später einräumte.

Auf dem Fluss hat Grone seither Ansprüche, auf der Landseite aber ist die Stadt Kassel Herrin des Verfahrens. Nachdem die ersten beiden von vier mächtigen Eisenpfählen in den Flussgrund gerammt worden waren, untersagte die Stadt mit Bodenschutz-Begründung, dass schwere Baumaschinen durch den Unterneustädter Zollmauerpark rollen dürfen. Dort liegen seit drei Jahren nun noch zwei der dicken Rohre – Grone darf sie weder bewegen, um seinen Liegeplatz weiterzubauen, noch können sie anderweitig entfernt werden.

In diese Pattsituation könnte nun demnächst Bewegung kommen. Angeblich, so hieß es im Unterneustädter Ortsbeirat, fordere Grone von der Stadt Schadenersatz mit Blick auf seine Investitionen.

Ortsvorsteher Joachim Schleißing (Grüne) verwies darauf, dass ein Nutzungskonzept für den gesamten Fuldaraum erst in Arbeit sei. Dabei sei auch generell zu klären, wie man es mit Hausbooten an Kassels Fluss halten wolle. Es stehe zu befürchten, dass das Rathaus mit dem Investor „ein Arrangement“ treffe, ohne ein solches Gesamtkonzept abzuwarten, sagte Schleißing. Die Sache brauche „endlich eine öffentliche Klärung“.

Spruch des Abends von Anwohner Klaus Hopfstock: Hoffentlich müsse die Stadt Kassel nicht einmal an dem Liegeplatz – ähnlich wie an der nahen Karl-Branner-Brücke – ein Hinweisschild anbringen lassen mit politischen Erläuterungen, „dass das eigentlich niemand gewollt hat“.

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