Staatsanwaltschaft stellt Verfahren ein

Nach schockierendem Video aus Kassel: Keine Strafe für Sanitäter nach Faustschlag

Geschäftshaus Leipziger Str. 37 in Kassel am Platz der Deutschen Einheit, von der Stadt Kassel als Flüchtlingsunterkunft angemietet
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Hier hat sich der Vorfall abgespielt: Das Glashaus links am Großen Kreisel ist von der Stadt Kassel als Flüchtlingsunterkunft angemietet.

Der Fall eines Sanitäters, der einen gefesselten Flüchtling geschlagen haben soll, hatte im März bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt ist das Verfahren gegen den Mann eingestellt worden. 

Kassel - Auf einem Video war – zumindest auf den ersten Blick – in einer kurzen Szene zu sehen, wie ein Notfallsanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Kassel in Anwesenheit zweier Polizisten einen Flüchtling ins Gesicht schlägt, der auf einer Trage fixiert ist. Zuvor hatte der Flüchtling aus Syrien in Richtung des Sanitäters gespuckt. „Dieses Skandal-Video schockt Deutschland“, titelte etwa die „Bild“, die das Video online veröffentlicht hatte.

Nun gibt es eine Kehrtwende in dem Fall: Die Staatsanwaltschaft Kassel hat das Ermittlungsverfahren gegen den 45-jährigen Sanitäter wegen des Verdachts der Körperverletzung eingestellt – mangels hinreichenden Tatverdachts. Das teilte Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel, nun auf Anfrage der HNA mit. Der Verdacht, der Sanitäter habe den 33-jährigen Mann vorsätzlich mit der rechten Faust ins Gesicht geschlagen, während dieser in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel gefesselt auf einer Trage gelegen habe, habe sich im Laufe der Ermittlungen nicht erhärtet.

Staatsanwaltschaft Kassel stellt Verfahren ein: Berechtigte Zweifel an Schlägen ins Gesicht

Die Staatsanwaltschaft stützt sich dabei auf das Bundeskriminalamt (BKA), das das Videomaterial ausgewertet hat. Die vom BKA gefertigten Einzelbilder begründeten berechtigte Zweifel daran, dass der Schlag den 33-Jährigen im Gesicht getroffen hat. Der geflüchtete Mann konnte sich nicht an den Vorfall in Kassel erinnern. Ein Hausmeister hatte ihm im Anschluss das Video übermittelt, das dieser an die Polizei weiterleitete.

Der Sanitäter hatte stets behauptet, nur gegen die Kopfstütze der Sanitätsliege geschlagen zu haben, nachdem er bespuckt worden war. Damit habe er einen Impuls setzen wollen, um die Spuckattacke des Patienten zu beenden, sagt Jorg Estorf, der Verteidiger des Rettungsassistenten. Der Jochbeinbruch, der später bei dem Syrer festgestellt wurde, sei ihm nicht an dem Abend von dem Sanitäter zugefügt worden.

Kassel: Jochbeinbruch des fixierten Mannes nicht durch videodokumentierten Schlag verursacht

Auch die Ausführungen eines Rechtsmediziners ließen Zweifel daran aufkommen, dass die Gesichtsverletzung des Flüchtlings durch den videodokumentierten Schlag verursacht worden seien, erklärte nun die Staatsanwaltschaft. Ebenfalls eingestellt wurde das Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung gegen die beiden Polizeibeamten, die bei dem Vorfall im November 2020 in der Flüchtlingsunterkunft am Kasseler Kreisel anwesend waren. Nordhessens Polizeipräsident Konrad Stelzenbach und das Innenministerium hatten damals das Verhalten des Sanitäters und der Polizeibeamten heftig kritisiert.

Das Ermittlungsverfahren gegen den 33-jährigen Syrer wegen des tätlichen Angriffs in Tateinheit mit Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter gefährlicher Körperverletzung sei hingegen noch nicht abgeschlossen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. (Ulrike Pflüger-Scherb und Florian Hagemann)

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