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Kleingärtner geben Umzugspläne auf und wollen schadstoffbelastetes Gelände räumen

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Von: Axel Schwarz

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Volles Vereinsheim: Nur ein einziger, aber schicksalhafter Abstimmungspunkt stand auf der Tagesordnung der außerordentlichen Mitgliederversammlung. Vorn am Rednerpult Vereinsvorsitzender Michael Zaun.
Volles Vereinsheim: Nur ein einziger, aber schicksalhafter Abstimmungspunkt stand auf der Tagesordnung der außerordentlichen Mitgliederversammlung. Vorn am Rednerpult Vereinsvorsitzender Michael Zaun. © Axel Schwarz

Weil sich der Umzug auf ein neues Gelände unabsehbar verzögert, haben die Mitglieder die Auflösung ihres 95 Jahre alten Kleingartenvereins Fackelteich beschlossen. Alle rund 230 Gartenfreunde bekommen eine Entschädigung.

Kassel – Eine ebenso emotionale wie historische Entscheidung haben die Pächter von rund 230 Parzellen der Kleingartenanlage Fackelteich am Samstag getroffen: Ihr 95 Jahre alter Verein wird sich nach Ablauf der Saison 2023 auflösen, statt wie zuletzt geplant auf ein Gelände in Wolfsanger umziehen. Jeder Gartenpächter hat dann eine individuelle Entschädigung zu erwarten und müsste sich, falls er sein Hobby weiter pflegen will, einem der anderen Kasseler Kleingartenvereine anschließen.

Dass die Unterneustädter Flächen zwischen Bahngleisen und B 83 über dieses Jahr hinaus nicht mehr gärtnerisch genutzt werden, darauf drängen Aufsichtsbehörden bereits seit 2016. Denn der Boden ist mit Giftstoffen belastet. Ursache ist eine Müllkippe, die die Stadt Kassel dort vor vielen Jahren betrieben hat. Die Gartenflächen sollen daher brachgelegt werden. Die angrenzenden Kleingartenvereine Waldauer Wiesen und Schwanenwiese sind nicht betroffen.

Seit 2019 wurde der Plan verfolgt, die Fackelteich-Gärtner an den nordöstlichen Stadtrand nach Wolfsanger umzusiedeln. Doch während der Planungen seitens der Stadt Kassel tauchten immer neue Hindernisse auf, wie Vereinsvorsitzender Michael Zaun in der Sitzung resümierte: „Jetzt geht es ins achte Jahr und wir stehen immer noch genauso da wie am Anfang.“

Aktuell ist nun eine Lage eingetreten, die die Gartenfreunde ihre letzte Zuversicht gekostet hat. Im brechend vollen Vereinsheim schilderte Oberbürgermeister Christian Geselle, was sich längst herumgesprochen hatte: Bei einer Kampfmittelräumung auf dem vorgesehenen neuen Gelände seien die Arbeiter im Herbst auf ein Bodendenkmal gestoßen, auf die schutzwürdigen Reste eines historischen Kirchwegs zwischen Ihringshausen und Wolfsanger. Geselle: „Das würde dummerweise mitten durch das neue Vereins-Areal gehen“ – ganz zu schweigen von der weiteren Verzögerung durch archäologische Sicherungen.

Es habe dann eine Reihe von Gesprächen im kleinen Kreis zwischen Vereinschef Zaun, OB Geselle und der Leitung des städtischen Liegenschaftsamts gegeben. Auch das Land Hessen als Eigentümerin der belasteten Flächen sei ins Boot geholt worden.

„Wir schlagen vor, dass wir auf eine Umsiedlung des Vereins verzichten“, sagte Geselle. Als Gegenleistung für eine Zustimmung der Pächter winke neben der Entschädigung ein zusätzlicher Finanzbonus. Bei einem positiven Votum des Vereins müssten dann formell aber noch der Magistrat sowie die Stadtverordneten über die Aufgabe der Umzugspläne befinden, betonte Geselle. Die Lösungsvariante habe ein Volumen von gut 4 Millionen Euro.

Gegenüber einem Umzug werde erheblich „Geld eingespart, die Mitglieder werden aber mehr bekommen“, warb Michael Zaun, bevor er die Sache zur Abstimmung stellte. Das Votum der Gartenpächter, die wegen der folgenschweren Entscheidung mit abgestempelten Stimmkarten ausgestattet waren, fiel dann einstimmig aus. Debattenbedarf wurde im Kontext der Abstimmung nicht geäußert. Der OB hatte die Sitzung zuvor wegen eines anderen Termins verlassen müssen, das wurde mit einhelligem Applaus aus den Reihen der Gärtner quittiert.

Der Verein Fackelteich hat damit aber noch nicht aufgehört zu existieren. In der Jahreshauptversammlung am 11. März wird es laut Zaun „um die Einzelheiten gehen“: Jedes Mitglied müsse einen Vertrag abschließen und erfahre dann auch die individuelle Entschädigungshöhe.

Und am 16. und 17. Juli wolle die Gemeinschaft der Fackelteich-Gärtner ein letztes Mal noch ein rauschendes Sommerfest feiern, kündigte der Vorsitzende an.

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