Nach 82 Jahren zurück in Kassel

1936 vor den Nazis nach New York geflohen: Familie kehrt zurück

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Rückkehr nach 82 Jahren Egon Kot (Mitte) ist 1936 mit seiner jüdischen Familie aus Kassel emigiriert. Mit dabei vor dem Renthof (von links) Urenkel Ben, Tocher Ellen, Urenkel Hudson und Schwiegersohn Steve.  

Kassel. Sie haben an der Brüderstraße nicht weit vom Renthof entfernt gewohnt. 1936 floh die jüdische Familie Kot vor den Nationalsozialisten. 82 Jahre später kehrt Egon Kot zurück.

Den Renthof hat er gleich wiedererkannt. Und das, obwohl er seit 82 Jahren nicht in Kassel war. So lange ist es her, dass Egon Kot mit seiner jüdischen Familie aus Nazi-Deutschland floh. Ein paar Meter neben dem Renthof hat die Familie an der Brüderstraße 6 gewohnt. Das Haus gibt es nicht mehr, es wurde im Krieg zerstört.

Bis zum Frühjahr 1936 hat Egon Kot oft mit Freunden vor der Orangerie Fußball gespielt. Auf dem Friedrichsplatz war er 1933 bei einem Auftritt von Adolf Hitler dabei und hat die Menschenmassen jubeln gesehen. „Als Hitler kam, mussten wir unseren Namen umschreiben“, sagt er. Sein Vater mit polnischen Wurzeln hieß Kott, so steht die Familie auch noch im Kasseler Adressbuch von 1934. Das zweite „t“ verschwand ein Jahr später auf Anordnung der Behörden. Es war nur eine von vielen Schikanen.

Nächste Woche wird Egon Kot 95 Jahre alt. In Begleitung seiner Tochter Ellen, Schwiegersohn Steve sowie den Urenkeln Hudson und Ben ist er von New York nach Frankfurt geflogen. Zurück in die Stadt, die er so lange nicht gesehen hat und die er seinen Nachfahren zeigen will.

Sein Name steht im Archiv

Ins Gästebuch der Stadt hat er sich eingetragen, mit Oberbürgermeister Christian Geselle gesprochen, das Stadtmuseum mit dem Modell der im Krieg zerstörten Stadt besucht, einen kurzen Spaziergang mit Stadtarchivar Stephan Schwenke gemacht und alte Urkunden angesehen. Da steht sein voller Name Heinz Wilhelm Egon Kot.

Das habe er gar nicht gewusst, sagt der alte Mann, der immer wieder zwischen Englisch und Deutsch wechselt. Seine Urenkel lachen über die ungewohnten Vornamen, sein Schwiegersohn Steve ist beeindruckt von der deutschen Gründlichkeit. Nach all den Jahren könne man hier noch den kompletten Namen herausfinden, toll. In New York, sagt er, könne man das einen Tag, nachdem jemand umgezogen sei, schon nicht mehr – und lacht.

Die vielen Eindrücke und die Strapazen der langen Anreise machen dem 94-jährigen Heinz Wilhelm Egon Kot ganz schön zu schaffen. Trotzdem nimmt er sich Zeit, schaut sich Fotos aus dem alten Kassel an und erkennt auch vieles wieder. Am Rondell, da habe es einen „Tunnel under the Fulle“ gegeben, sagt er. Dieser Rest eines unterirdischen Ganges, sei früher noch zugänglich gewesen.

Schule an der Rosenstraße

Auf die Frage, wo er denn zur Schule gegangen sei, muss er einen Moment überlegen. Dann fällt ihm die Große Rosenstraße wieder ein, wo das Schul- und Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde stand. Während der Pogromnacht, die in Kassel bereits zwei Tage früher als anderswo am 7. November 1938 stattfand, wurden auch diese Räumlichkeiten verwüstet. Da war Egon Kot mit seiner Familie schon längst in den USA. Sein Vater Salomon betrieb zusammen mit Wilhelm Strickstrock eine Bäckerei an der Obersten Gasse. An diesen Namen erinnert er sich nach all den Jahren noch. „Ich habe als Junge häufig in der Bäckerei sauber gemacht“, sagt er.

Bereits 1935 war Egon Kots Vater klar, dass es für die Familie in Kassel keine Zukunft gab. Er bereitete die Ausreise vor und sorgte dafür, dass der damals 13-jährige Egon mit seiner Schwester und der Mutter Lilly an Bord eines Schiffes gehen konnten. Nach einer zweiwöchigen Reise erreichten die Kots 1936 New York und sahen bei der Hafeneinfahrt die Freiheitsstatue.

Das war am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag. Als junger Mann kam Egon Kot zurück nach Deutschland. „Ich habe als amerikanischer Soldat gegen Hitler gekämpft“, sagt er. In Kassel war er damals nicht.

Dafür war die Zeit jetzt nach all den Jahren reif. Egon Kot hat sich gefreut, dass er so freundlich empfangen wurde. Vielleicht könne er ja zu seinem 100. Geburtstag noch mal vorbeikommen, sagt er und lacht. Da man schon mal in Deutschland sei, wolle man noch weiterfahren.

Rothenburg ob der Tauber mit seinem Fachwerk, München mit dem Hofbräuhaus sowie Schloss Neuschwanstein wollen sie noch besuchen. Ein typisch amerikanisches Programm mit Stopp in Kassel.

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