Lübckes Angehörige wären einverstanden

Kommt die Walter-Lübcke-Brücke? Ortsbeirat Mitte schlägt Umbenennung der Karl-Branner-Brücke vor

Die Schlagd mit der Karl-Branner-Brücke an der Fulda in Kassel. Im Hintergrund die Fuldabrücke, rechts Neubauten der Unterneustadt.
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Namensstreit schwelt seit Jahren: Die Karl-Branner-Brücke über die Fulda soll wegen der NS-Verstrickungen des früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeisters umbenannt werden.

Für die Karl-Branner-Brücke wird seit Längerem ein neuer Name gesucht. Sie könnte bald Walter-Lübcke-Brücke heißen - die Angehörigen wären jedenfalls einverstanden.

Kassel – Eine mögliche Umbenennung der Karl-Branner-Brücke nach dem mutmaßlich von Rechtsextremisten ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke rückt näher: Der Ortsbeirat Mitte hat sich in seiner jüngsten Sitzung einstimmig – bei einer Enthaltung – für den Namen „Dr.-Walter-Lübcke-Brücke“ ausgesprochen.

Zur Begründung sagte Ortsvorsteherin Sabine Wurst (SPD): Dieser neue Name würde nicht nur die persönlichen Verdienste Walter Lübckes angemessen würdigen, sondern zugleich auch ein gesellschaftliches Signal setzen gegen die Hassmotive, aus denen die Mordtat nach bisher vorliegenden Erkenntnissen begangen worden ist.

Die Stadtteilvertreter hatten ihr Votum mehrmals vertagt, weil zunächst klar sein sollte, dass auch die Familie Lübcke eine solche Würdigung unterstützt. Nun liege dieses Einverständnis vor, sagte eine Referentin von Oberbürgermeister Christian Geselle in der Sitzung: In einem persönlichen Gespräch mit dem OB hätten Lübckes Angehörige mitgeteilt, dass sie sich so eine Brückenbenennung „gut vorstellen können“.

Bei der Benennung von Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Einrichtungen müssen in Kassel die Ortsbeiräte beteiligt werden und haben auch ein Vorschlagsrecht. Im vorliegenden Fall ist außerdem der Ortsbeirat Unterneustadt betroffen, da die Fußgängerbrücke beide Stadtteile verbindet.

Der Unterneustädter Ortsbeirat kann sich frühestens in seiner kommenden Sitzung am 20. August mit der Umbenennungsfrage befassen. Käme es dort zu einem gleichlautenden Votum, ginge die Sache wohl so weiter, dass der Magistrat den Namensvorschlag aufgreift und ihn formell der Stadtverordnetenversammlung unterbreitet, die ihn dann in Rechtskraft setzen müsste.

Um den Brückennamen gibt es seit einigen Jahren eine Kontroverse, nachdem Verstrickungen des ehemaligen Kasseler Oberbürgermeisters Dr. Karl Branner (SPD) ins nationalsozialistische Regime bekannt geworden waren. Während die Ortsbeiräte Unterneustadt und Mitte daraufhin ab 2015 immer wieder eine Umbenennung in „Brücke am Rondell“ forderten, hielt die Kasseler SPD lange an der Benennung nach ihrem prominenten Repräsentanten fest.

2017 wurde an der Brücke eine Texttafel angebracht, die Branners Biografie historisch einordnen sollte. Die Textauszüge waren einer Studie Kasseler und Marburger Historiker entnommen. Die protestierten gegen die „missbräuchliche Verwendung“ ihrer Forschungsergebnisse, die einem „Persilschein“ für Branner gleichkomme, und kündigten eine Urheberrechtsklage an. Die Stadt Kassel ließ die Tafel im Juni 2019 schließlich entfernen.

Schon kurz nach der Ermordung Walter Lübckes vor gut einem Jahr hatten sich zahlreiche Bürger dafür ausgesprochen, die Brücke nach ihm zu benennen.

Zuletzt kein Konsens in Sicht für Brückennamen

Als der Namensstreit um die Karl-Branner-Brücke vor einem Jahr neue Nahrung erhielt, fiel das fast zeitgleich mit der Nachricht von Walter Lübckes Tod zusammen. Die näheren Umstände kannte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand – und schon gar nicht die Hintergründe eines mutmaßlich rechtsradikalen Politikermordes.

Unabhängig von diesem Geschehen waren SPD-Fraktionschef Patrick Hartmann und der SPD-Unterbezirksvorsitzende Ron-Hendrik Hechelmann mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit gegangen, die Karl-Branner-Brücke in „Europabrücke“ umzubenennen. Ihr aktueller Anlass war der Abbau der Info-Tafel an der Brücke gewesen. „Es ist an der Zeit, den Blick nach vorne zu richten“, sagte Hartmann zur Begründung.

Der Vorschlag stieß bei den anderen Fraktionen prompt auf Ablehnung. Die CDU fand den Namen „Europabrücke“ banal und ohne stadtgeschichtlichen Bezug. Ebenso wie die Kasseler Linke und die Grünen, die ihre Jugendorganisation Stellung nehmen ließen, sprach sich die Union für eine Umbenennung in „Brücke am Rondell“ aus.

Diesen Namen fand wiederum die FDP nichtssagend und schlug vor, die Brücke nach dem Kasseler Ex-Oberbürgermeister Erich Koch-Weser zu benennen. Der Liberale war auch Minister der Weimarer Republik und musste vor den Nazis ins Ausland fliehen.

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