NSU-Prozess: Lebenslang für Zschäpe

Unzufrieden mit Urteil: Vater von Halit Yozgat fordert mehr Aufklärung

Kassel/München. Fast zwei Stunden lang während der Verkündung der lebenslangen Haftstrafe gegen Beate Zschäpe war Ismail Yozgat, Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, ruhig. Dann brach es aus ihm heraus.

Genau um 11.40 Uhr schrie er wütend in den Gerichtssaal: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Die Worte auf Arabisch sind Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses. Dreimal rief er das, dann ermahnte ihn der Richter Manfred Götzl zur Ruhe. Er drohte, ihn aus dem Saal zu verweisen.

Zuvor hatte Götzl verkündet, dass Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im Prozess gegen die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Das Oberlandesgericht München stellte gestern zudem die besondere Schwere der Schuld fest – damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren so gut wie ausgeschlossen.

Mit dem Urteilsspruch folgte das Gericht dem Antrag der Bundesanwaltschaft und verurteilte Zschäpe als Mittäterin an den Morden und Anschlägen des NSU. Der Mitangeklagte Ralf Wohlleben wurde als Waffenbeschaffer für den NSU zu zehn Jahren Haft verurteilt. Das Oberlandesgericht sprach ihn der Beihilfe zum Mord schuldig. Strafen gab es auch für drei weitere Mitangeklagte. Zschäpes Verteidiger kündigten allerdings an, Revision einzulegen. In diesem Fall muss der Bundesgerichtshof das Urteil überprüfen.

Zschäpe hatte fast 14 Jahre lang mit ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund gelebt. In dieser Zeit ermordeten die beiden Männer neun Gewerbetreibende türkischer oder griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin. Unter den Opfern ist auch Halit Yozgat, der Betreiber eines Internetcafés an der Holländischen Straße in Kassel. Er war am 6. April 2006 erschossen worden.

Halits Vater Ismail Yozgat sagte in München nach der Urteilsverkündung, das Urteil habe für ihn keinen Bestand, solange die Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme nicht aufgeklärt sei. Temme war im Internetcafe, als Halit Yozgat ermordet wurde.

Der Hamburger Anwalt der Familie Yozgat, Alexander Kienzle, sagte gegenüber der HNA, es sei „eine riesige Enttäuschung“, dass das Urteil nicht das Fehlverhalten des Verfassungsschutzes aufgearbeitet habe. Das Urteil sei zwar gerecht. Dies stehe aber bei seiner Beurteilung nicht im Vordergrund, erklärte Kienzle.

Ähnlich äußerte sich Kamil Saygin, Vorsitzender des Kasseler Ausländerbeirats. Er sagte: „Ich habe die Strafe für Beate Zschäpe erwartet.“ Es müsse aber weiter aufgeklärt werden.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.