Zurück zu den Wurzeln

Trend Urban Gardening: Eigenes Obst und Gemüse werden wieder wichtig

Kassel. In Zeiten hochgezüchteter und in Plastik verpackter Massenware in konventionellen Lebensmittelgeschäften erleben nicht nur regionale Bio- und Unverpacktläden einen Hype.

Das wachsende ökologische Bewusstsein vieler Verbraucher spiegelt sich auch darin wieder, dass immer mehr Menschen die Zucht von eigenem Gemüse und Obst wieder für sich entdecken.

Egal ob das Basilikum auf dem heimischen Balkon, der Johannisbeerbusch im Kleingarten oder die Kartoffeln auf dem Selbsterntefeld – die Natur schlägt wieder Wurzeln in der Stadt. Das Phänomen des Urban Gardening (städtisches Gärtnern) ist auch in Kassel nicht ganz neu, doch inzwischen hat sich unter dem Label „Essbare Stadt“ ein großes Netz an Gartenprojekten zum Mitmachen über das gesamte Stadtgebiet gespannt. Einblicke in die freie Gartenszene Kassels.

Kümmern sich seit 2012 um die Bepflanzung im „ForstFeldGarten“ an der Steinigkstraße im Stadtteil Forstfeld (von links): Karsten Winnemuth und Bernd Walter vom Verein Essbare Stadt.

Der Gemüsegarten

Im Stadtteil Forstfeld, hinter den Reihenhäusern in der Steinigkstraße, liegt etwas versteckt der „ForstFeldGarten“. Die Schreibweise erklärt sich bei einem Rundgang durch das rund 7000 Quadratmeter große Areal, das unter dem Schirm des Essbare Stadt Vereins allen Anwohnern offensteht. Ein Teil ist als Forst mit verschiedenen Fruchtbäumen – Pfirsich, Apfel, Walnuss, Maulbeeren und vieles mehr – angelegt, sagt der 1. Vorsitzende und gelernte Gemüsegärtner Karsten Winnemuth (52). Daneben sind Felder für verschiedenstes Gemüse von Zucchini bis Kartoffeln angelegt. Und schließlich gibt es einen Garten für Salate, Kräuter und Blumen. Alles werde mit organischen Düngern und Kompost gedüngt, sagt Winnemuth.

Regelmäßig kommt die Nachbarschaft zu Gartenfesten zusammen. Der „ForstFeldGarten“ sei vor allem ein Ort der Begegnung, sagt der Garten- und Landschaftsbauer Bernd Walter (61), ebenfalls Mitglied bei Essbare Stadt. „Essen und Gartenarbeit bringt die Leute zusammen.“ Gründe für den Boom der freien Gartenszene sieht Walter in modernen, kapitalistischen Lebensumständen. „In einer Zeit des Überflusses können Menschen schon mal die Orientierung verlieren und nach etwas Sinnhaftem suchen.“

Die Baumpflanzung

Zum Kasseler Stadtjubiläum 2013 haben die Mitglieder von Essbare Stadt in Absprache mit dem Umwelt- und Gartenamt und den jeweiligen Ortsbeiräten an 19 dezentraleren Orten im Stadtgebiet Fruchtgehölze, sogenannte Obst-Allmenden, gepflanzt. An der Waitzstraße in Waldau etwa gedeiht ein „essbarer Park“ mit Apfel- und Walnussbäumen, Esskastanien, Quitten- und Pfirsichbäumen. Für einige Bäume werden noch Paten gesucht, die sich um die Pflege kümmern.

Anlässlich des Stadtjubiläums 2013: An verschiedenen Orten im Stadtgebiet pflanzt der Verein Essbare Stadt Fruchtgehölze. Jeder Baum findet einen Paten. Im Bild ist ein Walnussbaum des Waldauer Ortsvorstehers Joachim Bonn zu sehen.

Der Selbsternteacker

„Wenn du in Läden gehst, kriegst du überall das Gleiche, und keiner weiß wirklich, wo es herkommt“, sagt Stephan Lötzer vom Verein Selbsternteacker Wiener Straße. „Hier ist alles bio, wir benutzen keine Pestizide.“

Wird bald grüner: Auf dem Selbsternteacker an der Wiener Straße hat gerade die Saison begonnen. Was gepflanzt wird, entscheiden alle Mitglieder gemeinsam. Die Parzellen sind so angelegt, dass am Ende jeder alle Gemüsesorten ernten kann. Fotos: Dieter Schachtschneider

Seit dieser Saison betreut der 49-jährige Ökonom mit seinen Mitstreitern das 2006 von der Uni Kassel angelegte Selbsterntefeld in der Nordstadt. Für kleines Geld kann jeder – egal ob Gartenprofi oder Neuling – an der Wiener Straße eine Parzelle mieten. Das Einsäen und Pflanzen übernimmt der Verein, um alles weitere – Unkraut jäten, Gießen und Ernten – kümmert sich jeder selbst. Im Herbst gibt es ein großes Erntefest.

Die Nachfrage, sagt Lötzer, sei von Jahr zu Jahr gestiegen. Warum das Konzept so erfolgreich ist? Wie Bernd Walter glaubt Lötzer, dass viele Menschen in ihrem hektischen Alltag nach Entschleunigung suchen. „Der Begriff ’sich erden’ kommt nicht von irgendwo – da sind zwei Hände in der Erde ein guter Anfang.“ Für diese Saison sind bereits alle Parzellen belegt. Interessenten könnten sich aber auf die Warteliste für nächstes Jahr oder falls jemand abspringt setzen lassen.

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